• vom 03.09.2015, 21:43 Uhr

Film

Update: 26.08.2017, 15:08 Uhr

Film

"Aufdeckerjournalisten sterben aus"




  • Artikel
  • Lesenswert (16)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Von Matthias Greuling, Venedig

  • In Venedig eröffnet das spannende Journalisten-Drama "Spotlight" die Awards Season der Filmindustrie.

Mark Ruffalo - © K. Sartena

Mark Ruffalo © K. Sartena

Den Pulitzer Preis haben sie schon bekommen für ihr Engagement, vielleicht gesellt sich ja noch der eine oder andere Golden Globe oder Oscar hinzu: Die Aufdeckerjournalisten des "Boston Globe", die 2003 den Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche in Massachusetts recherchiert hatten, erhielten damals den Pulitzerpreis, auch, weil sie im Rahmen eines Teams namens "Spotlight" zusammenarbeiteten - eine eigens von der Zeitung zusammengestellte Truppe, die mit reichlich Budget ausgestattet wurde, um für brisante Geschichten auch Monate oder gar Jahre recherchieren zu können, wenn es sein musste.

"Journalismus wie diesen findet man heute leider nicht mehr. Zumindest nicht in den Vereinigten Staaten. Echte Aufdeckerjournalisten sterben aus", findet Mark Ruffalo. Der Schauspieler schlüpft in "Spotlight" in die Rolle eines der Aufdecker-Reporter, die gegen die katholische Kirche zu Felde ziehen, um den Missbrauch von Kindern durch Priester öffentlich zu machen. "Dieses unglaubliche Verbrechen musste bekannt werden. Viele Journalisten haben sich damals gefragt: Wieso haben WIR nicht diese Geschichte gebracht? Obwohl viele in der Szene von den Missbrauchsvorwürfen wussten, hat sie lange Jahre niemand angerührt", erzählt Regisseur Thomas McCarthy, der gemeinsam mit Josh Singer das Script zu "Spotlight" verfasste. Ebenfalls als Journalisten sind Rachel McAdams und (als Teamleiter) Michael Keaton zu sehen, außerdem dabei sind Stanley Tucci als Anwalt und Liev Schreiber als "Globe"-Herausgeber.


Für Mark Ruffalo gehört es zu den Grundfragen des Filmprojektes, zu hinterfragen, weshalb sich gerade der US-Journalismus nach 9/11 in einer substanziellen Krise befindet. Einerseits brechen die Auflagen ein, andererseits befinden sich viele Journalisten auf Linie mit den Mächtigen. "Das ist keine gute Zeit für die schreibende Zunft", weiß Ruffalo, "Man erwartet heute, dass alles gratis im Netz steht und dass das von irgendwem gemacht wird, der davon nicht zu leben braucht". Doch wertvolle Information, die unter die Oberfläche gehe, koste eben Geld - und vor allem Zeit.

"Spotlight" zeigt in unspektakulärer, aber umso spannenderer Weise, wie komplex und aufregend, wie unverzichtbar und notwendig eine freie Presse ist, die die Macht der Recherche besitzt und nicht immerfort dem Diktat des Kapitalismus ausgesetzt ist. Diesbezüglich, das zeigt die Realität, träumt der Film leider ein Stück weit auch ein utopisches Märchen.
Für die bevorstehende Awards Seaseon, bei der die Studios ihre besten Stücke zur Aufführung bringen, die sich für einen der zahllosen Preise eignen sollen, die in den nächsten Monaten vergeben werden, sind Michael Keaton, Rachel McAdams und Mark Ruffalo heiße Kandidaten. Und das Thema "sexueller Missbrauch in der katholischen Kirche" geht der Oscar-Jury sowieso runter wie Öl. Mit diesem Riecher für eine gute Story hätte es Regisseur McCarthy sicher auch zu einem Top-Journalisten gebracht.




Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2015-09-03 22:05:07
Letzte Änderung am 2017-08-26 15:08:59


Filmkritik

Von Tanz und Terror

Dakota Johnson spielt eine junge amerikanische Tänzerin im Berlin des Jahres 1977. - © Amazon Studios Der Begriff Remake ist im Mainstream inzwischen die Auszeichnung für größtmögliche Phantasie- und Ideenlosigkeit. Das gilt allerdings nicht für die... weiter




Filmstarts

Neu im Kino

Die Frau als Gefahr (vf) Auch wenn der Filmtitel "#Female Pleasure" vielleicht etwas Schlüpfriges vermuten lässt, ist es genau dieser Widerspruch... weiter




Filmkritik

Macht den Reinblütigen!

Der zweite von fünf Teilen der "Phantastischen Tierwesen" spielt im Jahre 1927. Zuvor wurde der Zauberer Grindelwald enttarnt und festgenommen... weiter





Werbung



Kommentar

Netflix spendet keine Gruselfichten

Als Christbaum hat man es nicht leicht. Es beginnt damit, dass man quasi amputiert wird, um dann die müden Restglieder mit Tand und LED-Lichtern... weiter





Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Mord mit Stil
  2. Spiegel und Zerrspiegel
  3. Valery Tscheplanowa wird neue Buhlschaft
  4. Zank am Festspielgipfel
  5. Dero Hochwohllöblichkeit
Meistkommentiert
  1. Lang lebe Europa!
  2. Rene Benko steigt bei "Krone" und "Kurier" ein
  3. Kritik an finnischem Rechts-Metal-Konzert in Wiener Club
  4. Presserat rügt "Wochenblick"
  5. Weißes Haus verteidigt sich mit Fake-Video

DVD & Bluray

The 100, Staffel 4

- © Warner Weil die Atomreaktoren auf der Erde schmelzen und bald ein Inferno auslösen werden, fragen sich die Überlebenden, wofür sie angesichts des nahenden... weiter




DVD & Bluray

Berlin Falling

- © Warner Der Ex-Elitesoldat Frank kann seine Kriegserlebnisse nicht abschütteln und dröhnt sich zwecks Vergangenheitsbewältigung mit Alkohol zu... weiter





Neo-Viennale-Chefin Eva Sangiorgi (links) mit der Regisseurin des Eröffnungsfilms Alice Rohrwacher

Das Tutu ist das Spezifikum der Ballerina, die elfengleich über die Bühne schwebt. Werbung für Die Single "Baby I Love You" im Magazin Billboard 1959.


Quiz




Werbung