In der Morgendämmerung äst ein Reh auf einer Lichtung, an einem Baumstamm ist die Leiche einer jungen Frau gebunden. Ein schlechtes Gedicht aus dem Off hallt gedanklich noch nach; Verdrängung ist Schwerstarbeit. "Die Sprache ist mir zum Freund geworden", wird Johannes Krisch alias Jack Unterweger in diesem Film später sagen und dabei so scheu und schreckhaft dreinblicken wie das in der Mythologie als "Krafttier" bekannte Wesen, das in Märchen auftaucht, um den rechten Weg zu weisen und um der Unschuld zu gemahnen.

Eine Schizophrenie legt Regisseurin Elisabeth Scharang in diesem Symbolismus dem 1994 in erster Instanz verurteilten österreichischen Serienmörder Unterweger nicht direkt nahe, vielmehr schlägt sie ein gewisses Reueempfinden eher jenen vor, die in dieser kriminalgeschichtlichen Causa, die sich über 20 Jahre erstreckte, womöglich jemanden zum Biest gemacht haben, der keines war: Der damaligen Wiener Intellektuellen-Szene zum Beispiel, die Unterweger, der aus dem Gefängnis eine Karriere als Autor gestartet hatte, als "Häfn-poeten" feierte und möglicherweise für eigene Publicity-Zwecke missbrauchte, oder "den Medien" mit ihrer "Verhetzung", für die hier Birgit Minichmayr mit unvorteilhafter Perücke als Journalistin einstehen muss.

Im Limbo zwischen Kriminalfilm und Thriller


Eine Trennlinie zwischen Fakten und Märchen, zwischen Konkretem und Konstruktion kann Scharang mit diesem fiktionalen Film per se nicht ziehen, und sie enthält sich der Beantwortung einer Schuldfrage auch ganz bewusst zugunsten einer inszenatorisch omnipotenten Draufsicht, die allerdings narrativ immer wieder ungewollt bricht.

Die Verbindung von Ruhm und Gewalt, wie sie in der Moderne und hier vor allem auch im Kino oft zum sinnhaft hinterfragten Ausdruck kommt, sucht auch dieser Film; Kameramann Jörg Widmer hat Raum für große Gesten, inspiriert von jüngeren stilisierten Gewaltstudien aus dem Arthouse-Kino und einer Neo-Noir-Ästhetik, die sich besonders effektiv mit dem Schnitt von Alarich Lenz verbinden. Nahe kommen aber auch sie weder der Geschichte noch ihren Figuren; steril bleiben vor allem auch die jeweiligen Milieus.

Krisch spielt Unterweger als Jähzornigen in ständig angespanntem Körper mit überzogener Mimik. Der Sex-Appeal, den Scharang ihrem Unterweger diktiert, gleitet so auch direkt in verzweifelte Bemühtheit, an der auch Corinna Harfouchs (als Unterwegers Geliebte) unterkühlte Erotik nicht greift. Im Limbo zwischen Kriminalfilm und Thriller verirrt sich der Film zudem im küchenpsychologischen Drama, als mit (der wie immer exzellenten) Inge Maux Unterwegers Mutter auftaucht und erneut einen immensen, verdrängten Komplexschub auslöst.

Als versuchte Auffächerung der Zusammenhänge zwischen öffentlicher Wahrnehmung und persönlicher Perspektive muss sich "Jack" den Vergleich mit anderen Filmen gefallen lassen. Christoph Hochhäuslers kürzlicher "Die Lügen der Sieger" zum Beispiel schafft eine ungleich vielschichtigere Bearbeitung des Themas Mythenbildung, auch wenn der Inhalt ein ganz anderer ist. Seine Figuren sind die Verkörperung von bewussten Klischees, die bereits in sich manipulierende Stereotype aufzeigen. "Jack" dagegen verfällt schließlich exakt jener Faszination, die er hinterfragen wollte.