Cassavetes dreht "A Woman Under the Influence" - © Filmmuseum
Cassavetes dreht "A Woman Under the Influence" - © Filmmuseum

(greu) John Cassavetes war ein Filmkünstler zu einer Zeit, in der es Filmkunst in seinem Land eigentlich gar nicht gab; Ende der 1950er Jahre dominierten Western- und Abenteuerfilme, Komödien und Hochglanz-Technicolor-Produktionen Hollywood, und Cassavetes wirkte in diesem Dickicht aus Kommerz wie die Frühgeburt eines neuen künstlerischen Ausdrucks; sein Film "Shadows", den er zwischen 1957 und 1959 in Form eines Schauspielerworkshops auf New Yorks Straßen drehte und der beim Filmfestival von Venedig 1960 den Kritikerpreis erhielt, ließ erahnen, welchen Weg das US-Kino selbst in gar nicht allzu ferner Zukunft nehmen würde: Cassavetes nahm Strömungen wie das "New Hollywood", das "Direct Cinema" und den "Independent"-Film vorweg, Begriffe, die Hollywood erst ein Jahrzehnt später prägen würden. Casssavetes läutete die "Nouvelle Vague" der Amerikaner ein, könnte man sagen. Der Außenseiter war in Wahrheit Wegbereiter.

Dem 1929 in New York als Sohn griechischer Einwanderer geborenen Cassavetes widmet das Österreichische Filmmuseum nun eine umfassende Werkschau, nachdem man 2014 sämtliche Kinoarbeiten des Regisseurs für die hauseigene Sammlung erworben hatte. Die Retrospektive ist allerdings umfassender: Auf dem Programm stehen nämlich auch zahlreiche von Cassavetes’ Auftritten in Kinofilmen und TV-Serien; tatsächlich begann die Karriere dieses Regisseurs nicht hinter, sondern vor der Kamera. Als Schauspieler machte der Absolvent der New York Academy of Dramatic Arts sogar eine sehr gute Figur, und ab 1953 spielte er regelmäßig in größeren Produktionen, etwa in "Ein Mann besiegt die Angst" (1956), "Das dreckige Dutzend" (1967) oder auch "Rosemaries Baby" (1968) sowie in der populären Fernsehserie "Johnny Staccato". Mit dem Geld finanzierte er seine eigenen Regiearbeiten.

Cassavetes drehte auch Hollywood-Produktionen, war darüber aber sehr unglücklich. Viel mehr Freude brachten ihm seine unabhängig produzierten Arbeiten, etwa "Faces" (1965-68), der nicht nur als Neubeginn in seinem Schaffen, sondern als Revolution des Erzählkinos gefeiert wird. In den folgenden sieben Filmen - von "Husbands" (1970) bis "Love Streams" (1984) - stehen die Schauspieler und ihre oft an menschliche Grenzen kommenden kleinbürgerlichen Figuren im Zentrum, darunter Stars wie Gena Rowlands (ab 1954 Cassavetes’ Ehefrau), Peter Falk, Ben Gazzara und Cassavetes selbst.

Während sich Cassavetes zeit seines Lebens als "Vollzeit-Amateur" bezeichnete, entdeckte die Filmwelt seine Kunst erst so richtig nach seinem Tod 1989. Im Rückblick wurde klar: Das moderne amerikanische Kino begann in Wahrheit mit ihm.