• vom 12.12.2015, 08:07 Uhr

Film


Star Wars

Das Naturgesetz des Bösen




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Von Matthias Greuling

  • Die dunkle Seite der Macht ist die Triebfeder für die "Star Wars"-Saga. Und für die, die an sie glauben.



Wer sich "Wesen der Dunkelheit" nennen darf, hat eine blasse, fahle Hautfarbe und leuchtend rote Augen, so lehrt es jedenfalls das Jedipedia-Wiki im Internet. Es kennt fünf Stufen auf dem Weg, der dunklen Seite der Macht zu verfallen, das erste Anzeichen ist die gelbe Färbung der Augen. Später gesellt sich der Verlust der Menschlichkeit hinzu.

Das "Star Wars"-Universum, dereinst erschaffen von George Lucas - und letztlich ein exzellent zusammengeklautes Potpourri an Mythen und Legenden, an religiösen und kriegerischen Geschichten - bekommt zu Weihnachten Nachwuchs: Mit "Star Wars: Episode VII: Das Erwachen der Macht" (Weltpremiere am 14., ab 17. Dezember im Kino) haben Lucas’ Nachfolger Hand an die Saga gelegt, um mit ihr und einer schier unendlichen Fülle von Merchandising die Kassen der Walt Disney Studios zu füllen, die die Franchise 2012 übernommen haben.


Es ist der erste "Star Wars"-Film seit zehn Jahren, und mit ihm kehrt die Polarisierung zwischen Schwarz und Weiß, Gut und Böse, Hell und Dunkel in die Kinos zurück, ganz so, als hätte man diese Zuspitzung nicht längst auch schon allerorten in der realen Welt.

Darth Vader auf dem T-Shirt
Triebfeder dieser simplen, aber nicht unklug erdachten Geschichte um Luke Skywalker, seinen Vater Anakin, der der dunklen Seite der Macht anheimfiel und zu Darth Vader wurde, und um die Jedi-Ritter, die sich dem Bösen widersetzten, war natürlich immer der Antagonist, wie das in jedem Mainstream-Film so ist. Hier ist die Ikonografie des Bösen allerdings ungleich präsenter als alles Gute. Auf jedem "Star Wars"-T-Shirt prangt Darth Vader übergroß, nur selten steht Luke Skywalker im Vordergrund. Das Böse ist mit all seinem Design, seiner Mythologie und Verruchtheit eben doch viel interessanter als das Gute, denn gut sein, das kennen wir alle. Und böse sein liegt, zumindest bei "Star Wars", im Auge des Betrachters; Es gibt philosophische Abhandlungen darüber, wieso Anakin Skywalker überhaupt böse wurde: Weil er eigentlich nur gut sein wollte. Damit befasst sich dieser Tage sogar das "Philosophie-Magazin" in einer Sonderausgabe.

Es geht also scheinbar um mehr als hirnloses Entertainment. Nämlich um ein komplexes Gedankenkonstrukt über die Macht und ihre konkrete Ausübung. Ein Jedi-Ritter hat überirdische Kräfte, aber er kann damit auch auf den falschen Pfad geraten und zur dunklen Seite der Macht überlaufen; das geht sogar ziemlich leicht: Wer faul ist oder sich wenig um seinen Jedi-Orden schert, der nimmt einfach den bequemen Weg und wird zornig und hasserfüllt; auch mit diesen Eigenschaften lässt sich die Macht gut einsetzen. Interessant ist jedenfalls, dass die dunkle Seite besonders spirituell und rituell ausgerichtet scheint. Obwohl das gesamte "Star Wars"-Universum, also auch die "Helle Seite", stark auf religiösen Motiven beruht, sind diese beim Bösen stärker ausgeprägt. Lucas plünderte, was die Schwarz-Weiß-Malerei seiner Story anging, motivisch stark im Alten Testament, in dem ein Gefühl von Hass im Kontext der Gottesfurcht durchaus kein negatives Verhalten suggeriert, sondern Zeichen für eine enge Gefolgschaft mit Gott war; man hasst die "Gottlosen" und die Boshaften, oder man stellte sich gegen Gott; Zwischenlösungen gibt es nicht, nur ein Entweder-oder. Nur ein Gut oder Böse. Schon hier ist das Schwarz-Weiß-Denken Teil einer Lebensanleitung; dramaturgisch hat sich an ihr bis heute wenig geändert, und Lucas bildete diese Versuchung, dem Bösen nachzugeben, mit effektvollen Bildern ab.

Grundsätzlicher als in der Geschichte von "Star Wars" geht es eigentlich kaum. Ein Zwiespalt zwischen Hell und Dunkel, der uns allen innewohnt, so wie der Natur Tag und Nacht. Jede Religion verwendet diesen Gedanken letztlich dazu, Erlösung zu verheißen, vorausgesetzt, man entscheidet sich für die richtige Seite. In den "Star Wars"-Filmen ist das nicht anders. Da schwingt stets die Bedrohung mit, bestraft zu werden, falls man den vorgezeichneten Weg verlässt - auch das kennt man aus verschiedenen Religionen.

Es waren aber keine angstbringenden Bilder, mit denen Lucas experimentierte, sondern eher mythologisch aufgeladene. "Star Wars" war bei aller Action und Dramatik eine fast schon stoische Auseinandersetzung mit dem Sein. Hier regierte nicht die Dunkelheit, obwohl es ausschließlich um sie ging. So richtig dunkel ist es in "Star Wars" aber nie. Tiefe Schwärze ist (selbst im Genre finsterer Weltall-Filme) eine Seltenheit im Kino. Es gibt wenige Filmemacher, die sich getraut haben, schwarze Kader zu platzieren. Michael Haneke in "Wolfzeit" etwa, eine dystopische Endzeit-Vision, in der die Dunkelheit in Form völlig unbelichteter, tiefschwarzer Nachtszenen abgebildet wird. Hier zeigt Haneke das größte vorstellbare Grauen: sich im Stockdunkeln fortzubewegen und nicht zu sehen, wo der Feind steht.

Dagegen ist die gelackte, wohl eingeleuchtete Szenerie im Blockbusterkino alles andere als finster. Denn wenn Darth Vaders Helm in Klavierlackoptik schön im Dreipunkte-Lichtschema fein konturiert vom futuristischen Hintergrund des Todessterns abgehoben erscheint und er Luke seine Hand hinstreckt, hat das beinahe etwas Wehmütiges. Weltraum-Romantik statt dunkler Grusel.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2015-12-11 16:32:06
Letzte Änderung am 2015-12-11 17:04:32


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