Linz. Wann immer Christine Dollhofer dieser Tage auf das von ihr 2004 gegründete Filmfestival "Crossing Europe" angesprochen wird, erzählt sie freudig vom europäischen Charakter der Filmschau, davon, dass das Festival eine "Begegnungszone" sei, in der man auch die Gelegenheit habe, "nicht mehrheitstaugliches Kino" zu sehen. Dollhofer hat "Crossing Europe" längst zu einer Trademark im Festivalzirkus gemacht, und davon profitiert nicht nur die Filmschau selbst, sondern auch das Linzer Kulturleben, das "Crossing Europe" eine Heimstätte gegeben hat. Geld, so Dollhofer, könne es nie genug geben, aber: "Ich bin pragmatisch und realistisch genug, um zu wissen, dass die Zeiten nicht rosig, die finanziellen Mittel knapp und die Förderungen gedeckelt sind. Und natürlich will jedes Festival etwas vom finanziellen Kuchen haben."

Im Dreiklang der größten heimischen Festivals ist "Crossing Europe" das jüngste; es hat eine klaffende Lücke gefüllt zwischen dem lokalen Anspruch der Diagonale in Graz mit ihrem dezidiert österreichischen Programmschwerpunkt und der Viennale, die sich dem Weltkino verschrieben hat - und damit eigentlich auch dem "populären" Arthaus-Kino und seinen Stars. Das, was man hingegen in Linz zu sehen bekommt, kriegt man nirgends sonst serviert.

162 Filme stehen ab heute, Mittwoch, bis 25. April auf dem Programm. Ein Blick in den heurigen Spielfilmwettbewerb eröffnet die Sicht auf eine durchwegs finster gewordene Welt. Zwei Dystopien handeln vom Niedergang der Gesellschaft: "Heimatland", die kollektive Arbeit von zehn Schweizer Filmemachern, lässt die Schweiz unter einer immer größer werdenden, bedrohlich-dunklen Wolke verschwinden. Der belgische Beitrag "Brak" von Laurent Van Lancker treibt die Mär von einem "besseren Leben" in Europa auf die Spitze und zeigt die Folgen der unkontrollierten Migration in einem triste gewordenen Europa.

Filme vom Erwachsenwerden


Ein großer Teil des Spielfilmbewerbs handelt vom Erwachsenwerden und dem Sich-selber-finden: Manche Protagonisten suchen nach einer erfüllenden Lebensaufgabe, wie im französisch-belgischen Film "Baden Baden" von Rachel Lang, andere streifen alte Lebensentwürfe mit einem sexuellen oder emotionalen Befreiungsschlag ab, wie Mutter und Sohn in "Departure" des Briten Andrew Steggall. Wieder andere führen mitten in Europa einen harten Existenzkampf, gegen den nur die Liebe als Mittel zu wirken scheint ("Jajda" der Bulgarin Svetla Tsotsorkova).

Bei den Dokus spielt das Thema Flucht eine zentrale Rolle, etwa in der dänischen Arbeit "Les sauteurs" über das Leben in in der spanischen Enklave Melilla oder in "The Longest Run" aus Griechenland, in dem zwei minderjährige Flüchtlinge in einem griechischen Gefängnis langsam die Hoffnung verlieren.

In den "Panorama"-Reihen des Festivals zeigt Christine Dollhofer bemerkenswerte Arthaus-Erfolge, darunter etwa "La vanité" von Lionel Baier über einen potenziellen Selbstmörder, Brady Corbets "The Childhood of a Leader" über das Heranwachsen eines faschistischen Führers oder die Doku "One Day in Sarajevo" von Berlinale-Gewinnerin Jasmila Zbanic, die auf das heutige und damalige Sarajevo vor dem Hintergrund der Ermordung des ehemaligen Thronfolgers reflektiert.

"Crossing Europe" ist aber mehr als eine bloße Filmschau. Die Reihe "Cinema Next Europe" zeigt, was Dollhofer mit "Begegnungsort" meint: Darin werden in sechs ausgewählten Filmprogrammen Filme aus Ländern wie Österreich, Portugal und Georgien gezeigt. "Das Ziel von Cinema Next Europe ist es, junge Filmschaffende, die bereits mit ihren ersten Projekten von sich reden gemacht haben, einzuladen und ihre aktuellen Arbeiten vorzustellen", so Dollhofer. "Das ist unser wichtigstes Anliegen: Dass unsere Gäste neue Kontakte knüpfen und sich austauschen können."