Vienna. "So wie das österreichische Wien ist auch Vienna in Maine ein Zentrum für Kreativität und Musik, Schauspiel und Vorstellungskraft", erzählt ein älterer Herr mit weißem Vollbart fast andächtig. Er sitzt auf einer Holzbühne in einem kleinen Veranstaltungsraum der 570-Seelen-Gemeinde Vienna im US-Bundesstaat Maine. In den USA finden sich mehr als zwanzig Orte, die zumindest diese Gemeinsamkeit mit der österreichischen Hauptstadt aufweisen: ihren Namen. Zwei österreichische Filmemacher porträtieren zehn Viennas in einem Dokumentarfilm.

Jasmin Al-Kattib und Richard Kromp geben in "American Vienna Movie" einen unaufgeregten Einblick in die nach außen unscheinbare Seele dieser Kleinstädte, die vor allem aus ihren Bewohnerinnen und Bewohnern besteht. Jung und alt, schräg und fröhlich, stolz und lebenserfahren. Ein kleines Mädchen, das lächelnd ihre vielen Freizeitaktivitäten aufzählt, Tanzen, Cheerleading und Fußball; ein Barbecue-Bar-Betreiber, der Jahrzehnte im Geschäft ist und "sie alle kommen und gehen sehen" hat; ein Vater, der den Nachmittag mit seiner Tochter auf dem Spielplatz verbringt.

Konzept des Zufalls

Die Kamera fängt Fragmente von Orten und Menschen ein, ohne Begleitmusik und Kommentar. "Uns gefiel das Konzept des Zufalls. Zwar sind die Kleinstädte nach Namen ausgewählt, aber wir wollten das Alltägliche und vermeintlich Banale abbilden", sagt die hauptberufliche Journalistin Al-Kattib. Das Ergebnis sind ruhige Landschaftsaufnahmen, knarrende Deckenventilatoren, friedliche Strandszenen. Eine kunstvolle Collage aus Alltagsmomenten dieser zehn US-amerikanischen Viennas. Ihre Doku sehen die Filmemacher als ein völkerverbindendes und positives Projekt. "Wir haben in Gesprächen erlebt, dass das von uns gewählte Thema anregend wirkt und sich ein Interesse für diese anderen Plätze und Menschen entwickelt, und das nur aufgrund einer kleinen Gemeinsamkeit - dem Namen des Ortes", so Al-Kattib. Gemeinsamkeiten seien stärker als Unterschiede und das, was Menschen verbindet. Diese Idee ließ sie nicht mehr los und lasse sich auch auf viele andere Situationen ummünzen, so die Journalistin.

Die Auswahl der Schauplätze wurde nach der Größe vorgenommen, da auch Viennas darunter waren, die gerade einmal aus einer Scheune und zwei Häusern bestanden. Unbegründet war schließlich die Sorge, kein interessantes Filmmaterial vorzufinden: "Es war viel leichter, als wir dachten. Ständig wurden wir angesprochen. Da reichte das fremde Autokennzeichen oder dass wir uns auf Deutsch unterhielten, um die Neugier der Leute zu wecken."

"Ein bisschen komisch"

Eine interessante Beobachtung machten Al-Kattib und Kromp, die seit Jahren auch privat ein Paar sind, in Bezug auf die eigene Wahrnehmung der jeweiligen Vienna-Bevölkerung. Wenn die Filmemacher vom nächsten Ort erzählten, den sie ansteuerten, wurden sie beinahe gewarnt: "Ah, die sind dort ein bisschen komisch in diesem Bundesstaat!" Anekdoten über den Ursprung der Ortsnamen gibt es einige. Mal stammte der Siedler aus Österreich und nahm ein Stück Identität in die neue Heimat mit, erzählt man sich in der Community, die Ahnenforschung betreibt. Mit der realen Ortsnamengeschichte allerdings sei es schwieriger. Die würde hauptsächlich auf Mythen, Sagen und Geschichten fußen.

Welches Vienna war anders als die anderen? "Das in Alabama, das gibt es quasi nicht mehr. Ende des 19. Jahrhunderts war es ein geschäftiger Handelsort mit einem Hafen. Durch die Verlegung der Eisenbahn ist der Hafen niedergegangen. Mittlerweile hat sich die Natur den Ort zurückgeholt", erzählt Al-Kattib. Beeinflusst, weil begeistert vom Regisseur James Benning, entsteht mit "American Vienna Movie" eine Doku im künstlerischen Stil, die Ruhe ausstrahlt, mit langen Einstellungen und ohne schnelle Schnitte. Dem Publikum möchten sie dabei genügend Zeit fürs Eintauchen in die Region geben, um die Reise ähnlich zu erleben.