Beißt er sich bis zum Preis durch? Peter Simonischek mit jener Zahnprothese, die ihm im Film "Toni Erdmann" ein sehr spezielles Aussehen verleiht. Der österreichische Schauspieler gilt als ein Favorit für eine Auszeichnung. - © afp/Loic Venance
Beißt er sich bis zum Preis durch? Peter Simonischek mit jener Zahnprothese, die ihm im Film "Toni Erdmann" ein sehr spezielles Aussehen verleiht. Der österreichische Schauspieler gilt als ein Favorit für eine Auszeichnung. - © afp/Loic Venance

Cannes. Cannes liebt die Tradition, und alles soll in den gewohnten Bahnen verlaufen: Die Luxus-Limos aus dem Hause Renault werden beinahe stündlich gewienert, damit sie mindestens so hell glänzen wie die Stars auf dem Rücksitz, die sie zum roten Teppich chauffieren. Die Filmstars und die Supermodels geben sich hier täglich ein Stelldichein, alle wollen gesehen werden und machen für irgendwas Werbung: Für Gesichtspuder, wenn sie noch ganz jung sind. Für Filme, wenn sie welche drehen. Für Tierrechte, bevor sie in Vergessenheit geraten.

Business as usual.

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Auch für Journalisten gibt es eine Cannes-Routine: Wenn es dunkel wird im Salle Debussy und die feierliche Festival-Signation mit der goldenen Palme vor dem Hauptfilm vorbei ist, ruft immer irgendjemand laut "Raoul!" in die Dunkelheit, gefolgt von Gelächter und Applaus. Das geht seit Jahrzehnten so, und der Ursprung dieses Brauchs ist nicht gesichert belegt. Ein südamerikanischer Journalist soll einmal, es ist lange her, zu spät ins Kino gekommen sein und in der Dunkelheit lauthals seinen Kollegen Raoul gerufen haben, auf dass er neben ihm sitzen könne.

Ob die Geschichte stimmt oder nicht, ist wie so vieles hier gar nicht relevant. Gerade ein Filmfestival wie Cannes ist dafür erfunden worden, die Illusion zu feiern. Nirgendwo geht es glamouröser zu, nirgendwo werden Filmstars so nahe an die Göttlichkeit gehoben wie hier.

Amazon macht Wood froh


Doch etwas ist anders in diesem Jahr. Es gibt einen neuen Player auf dem Filmparkett - und man darf prophezeien: Es wird kein Stein auf dem anderen bleiben, wenn er vorhat, länger zu bleiben: Insgesamt vier Mal blitzte nach dem Cannes-Intro und dem "Raoul"-Ruf auf der Leinwand ein neuer Name auf. "Amazon Studios" stand da in fetten Lettern, gleich vor vier Filmen: Woody Allens "Café Society" trug ebenso stolz das Logo des weltgrößten Online-Händlers wie Jim Jarmuschs "Paterson" mit Adam Driver als Busfahrer und Hobbyliteraten, Park Chan-wooks sublimer Thriller "The Handmaiden" und das famos inszenierte Hochglanz-Fashion-Horrorstück "The Neon Demon" des Dänen Nicolas Winding Refn.

Vier Filme im Hauptbewerb (Allens Film allerdings außer Konkurrenz) von einem Konzern produziert, der bisher eher Erfahrungen damit hatte, wie man bruchsichere Packerl verschickt. Doch Amazon ist - zur Komplettierung des eigenen Angebots - längst mehr als ein Händler. Er liefert die Hardware und den Content gleich dazu. Über Amazon Prime sollen Kunden mit geringen Abogebühren gelockt werden, dafür entfallen Versandkosten, und es gibt eine riesige Online-Videothek. Und zwar, erraten: In Zukunft auch mit den neuen Filmen von Woody Allen, Jim Jarmusch oder Park Chan-Wook.

Das Innovative an diesem Konzept ist unspektakulär: Amazon benötigt Inhalte, die die Firma als hochwertig anpreisen kann. Dass Amazon nach einer Invasion von selbstproduzierten Streaming-Serien nun auch ins Filmgeschäft einsteigt, ist neu und dürfte auch Konkurrenten wie Netflix ärgern.

Kritiker dieser Entwicklung fürchten schon um die Zukunft des Films, wenn große Konzerne auf Filmproduzenten machen. Nutznießer hingegen frohlocken angesichts des neuen Geldsegens: Allen und Jarmusch betonten in Cannes unisono, dass sie noch nie ein solch großzügiges Finanzierungsangebot für einen ihrer Filme wie jenes von Amazon erhalten hatten. Dass der Konzern sich ausgerechnet auf Regisseure mit Kultstatus und Handschrift stürzt, veranlasst die Presse zu einem Jubel nach dem Motto: Amazon rettet den Independent-Film und die Filmkunst, indem es fördert, was andere nicht mehr finanzieren.

Vorerst gesunde Skepsis


Woody Allens Filme kosten im Schnitt 15 Millionen Dollar, ein Klacks für Amazon. "Noch dazu ließen sie mir völlig freie Hand"; sagt Allen. Amazon produzierte zusätzlich noch eine 6-teilige Miniserie von Allen. "Die haben noch keine Sekunde davon zu sehen bekommen, sondern meinten nur: Machen Sie mit dem Geld, was Sie wollen." Auch Jarmusch strahlt: "Das Schwierige am Filmemachen war für mich immer die Finanzierung. Jetzt konnten wir den Film bedingungslos machen, wie wir wollten."

Ob man der neuen Freigiebigkeit trauen kann, wird sich erst in einigen Jahren zeigen, nämlich dann, wenn Amazon weiß, ob die selbstproduzierte Filmware auch genügend Streamer findet - denn letztlich zählt auch hier die Quote. Jedenfalls will man sich als neuer Player deutlich von Netflix unterscheiden: Amazon gelobt, vorerst eine dreimonatige Frist zwischen Kino- und Online-Auswertung verstreichen zu lassen. Netflix hat mit der gleichzeitig startenden Online-Auswertung seiner Filme jedenfalls den Kinobetreibern den Angstschweiß auf die Stirn getrieben.

In Cannes könnte die Geburtsstunde von Amazon Studios auch mit Preisen belohnt werden: Sowohl Jarmusch als auch Winding Refn wären würdige Preisträger, wenngleich sie hier die Spitzen eines eher mediokren Wettbewerbs sind. Aus einer Masse an neuen Arbeiten großer Regisseure wie Almodovar, Loach, Assayas oder Dolan stechen sonst kaum preiswürdige Kandidaten heraus. Der Jahrgang 2016 zeigt, dass auch große, verdiente Künstler Durststrecken haben oder im Mittelmaß feststecken können. Gut, aber kein Meisterstück. Ein verheerendes Urteil für jeden Regisseur. Es ist ein Programm der Erstarrung, in dessen Umfeld ein Film wie Maren Ades "Toni Erdmann" so richtig zu strahlen beginnt. Die deutsch-österreichische Koproduktion gilt hier immer noch als Favorit auf die Goldene Palme (die "Wiener Zeitung" berichtete).