• vom 03.06.2016, 19:29 Uhr

Film

Update: 06.06.2016, 12:18 Uhr

Paul Verhoeven

Sex, Lust und Gewalt mit Hintersinn




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Von Matthias Greuling

  • Retrospektive im Österreichischen Filmmuseum widmet sich Regisseur Paul Verhoeven.

Paul Verhoeven kommt zur Retrospektive nach Wien.

Paul Verhoeven kommt zur Retrospektive nach Wien.© Filmmuseum Paul Verhoeven kommt zur Retrospektive nach Wien.© Filmmuseum

Wien. Wer den neuen Film von Paul Verhoeven kürzlich bei seiner Weltpremiere in Cannes gesehen hat, weiß: Dieser Mann hat auch mit 77 die Meisterlichkeit seiner Berufung nicht verlernt. In dem Psychothriller "Elle" brilliert mit Isabelle Huppert einer der größten französischen Filmstars in einer ähnlich fordernden Rolle, wie sie die Huppert schon 2001 in Hanekes "Die Klavierspielerin" spielte. Diesmal ist Huppert als Geschäftsfrau Michèle zu sehen, die bei sich zu Hause von einem Unbekannten vergewaltigt wird und beschließt, den Täter auf eigene Faust auszuforschen. Ein Vorhaben, über das ihr bald mehr und mehr die Kontrolle entgleitet.

Für viele Kritiker war "Elle" der beste Film in der Filmografie des Holländers Verhoeven, der der Filmgeschichte auch Werke wie "Basic Instinct" (1992), "Total Recall" (1990), "RoboCop" (1987) oder "Showgirls" (1995) geschenkt hat. Sein letzter Film "Black Book" liegt inzwischen zehn Jahre zurück, und "Elle", sein französischsprachiges Filmdebüt gilt vielen nun als das Comeback des Jahres im Bereich des europäischen Arthaus-Kinos.

Information

Mehr Infos: www.filmmuseum.at

Kontrollverlust und Lust auf Provokation

Verhoevens Filmfiguren bewegen sich oft an den Grenzen zum Kontrollverlust; es sind nicht selten die Frauen, die in seinen Filmen für die entscheidenden Wendungen sorgen, und nicht selten sind diese Frauenfiguren auch getrieben von Obsessionen und von emotionaler Aufgewühltheit. Verhoevens Kinohelden - sowohl jene aus seinen frühen europäischen Produktionen als auch diejenigen aus seinen Hollywood-Filmen - sind allesamt Provokateure, die sich mit der Welt da draußen anlegen und dabei nie zimperlich vorgehen. Es sind wahre Monster von Menschen, die Verhoeven gebiert: Sie sehnen sich nach Chaos und Zerstörung, der Hintersinn Verhoevens folgt dabei streng dem großen Vorbild Alfred Hitchcock, der auch immer versucht hat, in jede seiner Einstellungen die Idee des gesamten Filmes zu verpacken. Auch Verhoevens Bilder sind streng komponierte Versuchsanordnungen, die dem Filmthema gerecht werden wollen. Je radikaler das Thema, desto schriller das Bild, manchmal auch ironisch, jedenfalls aber subversiv.

Verhoeven legte mit "Elle" nun seinen 15. Kinospielfilm vor. Die Retrospektive im Österreichischen Filmmuseum in der Wiener Albertina, die noch bis 19. Juni läuft, zeigt alle 14 davor entstandenen Arbeiten. Von Verhoevens Erstling "Was sehe ich...!" (1971) über "Türkische Früchte" (1973) mit Rutger Hauer, einem Alter ego des Regisseurs bis hin zu "Der vierte Mann" (1983) reicht die erste Schaffensphase des Regisseurs. Danach beginnt Verhoeven seine Hollywood-Karriere. Die dort entstandenen Filme, teilweise auch Blockbuster, stehen zwar dramaturgisch in der Tradition der Traumfabrik, jedoch verliert Verhoeven seine Handschrift nie; es gelingen ihm subtile Eingriffe in gängige Genre-Muster, die oft erst beim zweiten Hinsehen entdeckt werden. Auch hat Verhoeven mit seiner exzessiven Darstellung von Sex und Gewalt nicht nur den Zustand der Welt zugespitzt, sondern ihn auch hinterfragt, indem er seinen Figuren die Ausflucht aus ihrer Lage nicht ermöglicht: Erst durch den Einsatz von Sex und Gewalt gelingt ihnen der Befreiungsschlag.

Paul Verhoeven wird bei der Retrospektive in Wien am 8. und 9. Juni persönlich anwesend sein und am 8. Juni um 19 Uhr auch eine Masterclass halten, für die es im Vorverkauf Tickets gibt, jedoch keine telefonische oder Online-Reservierung.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2016-06-03 16:14:04
Letzte Änderung am 2016-06-06 12:18:19



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