"Europe, She Loves" als politisches Generationenporträt. - © Filmladen
"Europe, She Loves" als politisches Generationenporträt. - © Filmladen

In "Europe, She Loves" (ab Freitag im Kino) sieht man Ausschnitte aus dem Leben von vier jungen Paaren in vier verschiedenen europäischen Städten. Dem Dokumentarfilmer Jan Gassmann ging es darum, herauszufinden, "was es bedeutet, zwischen 20 und 30 eine Beziehung zu führen". Dafür ist er an die Ränder Europas gefahren, nach Tallinn, Sevilla, Dublin und Thessaloniki. Die Nähe und Intimität der Kamera zu den Paaren ist beeindruckend. Sie streiten, versöhnen sich, duschen, feiern und schlafen miteinander. Ob er eine solche Offenheit erwartet habe? Das sei auch in der Auswahl der Personen begründet, so Gassmann. "Manchmal trifft man Leute und weiß, das könnten auch meine Freunde sein." Er habe aber auch erst dazulernen müssen: "Ein Paar kann nur ein Paar sein, wenn die anderen beim Drehen nicht mehr als zwei Personen sind." Außerdem habe er viel Kontrolle loslassen müssen, um die Momente zu finden, die dann sogar mehr erzählten, als die Idee, die er ursprünglich hatte.

Das Private ist politisch


Politik wird im Film nie direkt angesprochen und ist doch immer präsent. Wie ein Hintergrundrauschen spannt sie ein Netz auf seiner Reise durch den Kontinent. Das Private ist auch hier politisch. Eigentlich eine ziemlich kämpferische Aussage? "Ich glaube, dass wir Politik zu sehr in diesem medialen Rauschen wahrnehmen. Aber wir lassen nicht zu, dass wir unser Leben selbst als politisch betrachten, und ich finde, dass die kleinste Gruppe von allen, also das Paar, in ihren Entscheidungen, Kompromissen und in ihrem Kampf um Freiheit durchaus etwas Politisches darstellt. Gerade die kleinen Entscheidungen sind wichtig in der Politik. Darum wollte ich sehr nahe ran gehen um herauszufinden, was es bedeutet, in diesem gesellschaftlichen Zustand gerade zu leben."

Nur etwa neun Tage wurde pro Paar gefilmt. Wie bekommt man diese kleinste Gruppe und damit auch die privateste Einheit so unmittelbar vor die Kamera? Gassmann und sein Team hatten einen Schlüssel für die Wohnungen und sind hineingegangen, um die Paare auch schon beim Schlafen zu filmen. Gassmann lacht: "Ich mag es irgendwie, schlafende Leute zu filmen." So habe es nach ein paar Tagen den Moment gegeben, in dem klar wurde, jetzt spielt niemand mehr etwas vor.

Also sehen wir Caro und Juan als frisch Verliebte beim Sex, oder Harri unter der Dusche oder Siobhan und Terry bei einem Rückfall Heroin nehmen. Das sei auch eine der schwierigsten Szenen gewesen, so Gassmann. "Das war so nicht vorauszusehen. Für die beiden war dann klar, dass das in den Film rein muss, weil sie sich sonst den Rest der Zeit einfach verstellen würden und etwas rauslassen aus ihrem Leben, das gerade zentral ist. Das war durchaus grenzwertig."