Bela Lugosi als Dracula. - © Von Screenshot from "Internet Archive" of the movie Dracula (1931) - http://www.archive.org/details/Dracula1931-Trailer, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=11678809
Bela Lugosi als Dracula. - © Von Screenshot from "Internet Archive" of the movie Dracula (1931) - http://www.archive.org/details/Dracula1931-Trailer, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=11678809

Bela Lugosi verlässt mit langsamem Schritt, auf den Gehstock gestützt das Haus. Er scheint zu trauern, blickt sich wehmütig um, entdeckt einen Rosenstrauch, pflückt eine Blume und lässt sie fallen, vergräbt sein Gesicht in den Händen und geht davon.

Das sind die letzten Filmmeter, die von Weltstar Lugosi existieren. Wenig später war der beste Dracula-Darsteller aller Zeiten tot. Er starb 1956 an Herzversagen, das auf seine schwere Drogenabhängigkeit zurückzuführen war.

Diese letzten Filmschnipsel wurden von Edward D. Wood Jr. gedreht, jenem Mann, dem die Filmgeschichte mindestens so beharrlich den Titel "schlechtester Regisseur aller Zeiten" zuschreibt, wie man meint, "Citizen Kane" von Orson Welles wäre der "beste Film aller Zeiten". Wood, der mit Lugosi schon seine Transvestiten-Geschichte "Glen or Glenda" drehte, verwendete das Material vom Hausspaziergang für sein Opus Magnum, den vielleicht hanebüchensten Alien-Film aller Zeiten, gedreht für 60.000 Dollar und 1959 uraufgeführt. "Plan 9 From Outer Space" fiel beim Publikum durch, entwickelte sich aber in den 1980er Jahren zum Kulthit, nachdem ihm das Prädikat "schlechtester Film aller Zeiten" verliehen wurde.

Postume Werbeträger : Bela Lugosi, Heath Ledger und Anton Yelchin. - © WireImage,Moviepix, Warner
Postume Werbeträger : Bela Lugosi, Heath Ledger und Anton Yelchin. - © WireImage,Moviepix, Warner

Während Wood den Film als Hommage an seinen Freund Lugosi sah, war ihm sehr wohl bewusst, dass die Aufschrift "Der letzte Film mit Bela Lugosi" für eine ganz eigene Dynamik beim Publikum sorgen könnte. Das Vermächtnis eines einst großen Stars, die letzten Filmaufnahmen von jemandem, dem das Kino Unsterblichkeit zugesichert hatte, das hat das Publikum schon immer fasziniert. Dieser "Da-war-er-noch-am-Leben,-und-da-ist-er-tot"-Moment, den gibt es, seit es Filmaufnahmen gibt, und der findet in expliziten Handyvideos jüngster Terroranschläge, die User auf Youtube stellen, seine schärfste Drastik. Keiner will das sehen, und doch schaut jeder hin. Womöglich geht es dabei um den einzigartigen Moment des Sterbens, der die Menschen fasziniert. Um die banale Erkenntnis, dass jemand, eben noch quicklebendig, plötzlich leblos vor einem liegt.

Konservierungsmaschine

Im Kino gibt es zahlreiche Beispiele der Mythenbildung, die nach dem Verscheiden von Filmschauspielern entstanden. Das Kino funktionierte von Anbeginn als menschliche Konservierungsmaschine, die ein jugendliches Antlitz für alle Zeit einfriert. Jung und auf dem Höhepunkt der Popularität zu Sterben, brachte für Filmstars stets die Möglichkeit, dem Altern und einsetzender Kritik zu entgehen. Daraus wurden Filmkarrieren, die es sonst nicht gab: Sie beziehen ihren überlebensgroßen Status aus der Verknappung des vorhandenen Oeuvres. James Dean, der 1955 in seinem Porsche Spyder starb, wäre nie das Idol geworden, das er ist, wäre er mit 60 an einer Leberzirrhose oder an Herzversagen gestorben, nachdem er davor Jahrzehnte lang nur noch durchschnittliche Filme gedreht hätte. So blieben nur drei, von denen zwei erst nach seinem Tod erschienen. Wenige Tage nach Drehschluss von "Giganten" starb Dean, da war sein zweiter Film "...denn sie wissen nicht, was sie tun" noch gar nicht im Kino. Der Kult wurde so groß, dass einige Teenager Dean sogar in den Tod folgten, und Dean selbst drei Jahre nach seinem Tod noch immer derjenige Schauspieler mit der meisten Fanpost war. Das Studio Warner Bros. war schon damals ausgefuchst genug, um "Giganten" genau zum ersten Todestag Deans zu veröffentlichen und den Hype um ihn damit noch mehr anzufachen.

An solchen Marketing-Strategien hat sich bis heute nichts geändert. Der Unfalltod von Paul Walker im Sportwagen war ein trauriges Ereignis und eine Katastrophe für die Crew, die mit ihm gerade "Fast & Furious 7" drehte. Der Film wurde ein gigantischer Erfolg und spielte weltweit 1,5 Milliarden Dollar ein, der Vorgänger lag mit 788 Millionen deutlich darunter.

Gedämpfter Hype

Die Marketing-Experten entschuldigen die Ausschlachtung ihrer toten Stars meist mit Erklärungen wie: "Er hätte gewollt, dass ihn das Publikum noch einmal sehen kann. Wir haben es für ihn getan". Das mag von der humanen Seite her stimmen, von der finanziellen her aber sicher nicht. Einen Film wie "Fast & Furious 7" nicht zu beenden, weil der Hauptdarsteller stirbt, hieße, 190 Millionen Dollar Budget in den Sand zu setzen. So etwas leistet sich in Hollywood niemand. Zumal sich mit einer "Last Performance" ja richtig gut verdienen lässt.

Im Fall des vor wenigen Wochen tödlich verunglückten Anton Yelchin dürfte der Hype um seine letzte Rolle gedämpfter ausfallen - als Mr. Chekov in "Star Trek Beyond" spielt er nur eine Nebenrolle. Das Studio hat sein Ableben nicht für eine Marketingaktion genutzt, sondern ihm den Film still und würdig im Abspann gewidmet.

Ist ein verstorbener Schauspieler allerdings in seiner letzten Performance in einer tragenden Rolle zu sehen, läuft die Maschinerie genau darauf abgestimmt los. Heath Ledger starb im Jänner 2015, als "The Dark Knight", in dem er den Joker spielte, seit Monaten abgedreht war; Regisseur Christopher Nolan und Warner Bros. stellten sich damals die Frage, wie man den wuchtigsten Popcorn-Film des Jahres vor dem Hintergrund dieser Tragödie vermarkten könnte. Zunächst wollte man den Fokus auf den zweiten Bösewicht Two-Face legen, doch die Mythenbildung war längst im Gange. Die Medien schrieben davon, dass der Wahn des Jokers Besitz von Ledger ergriffen hätte, und die Depressionen letztlich an seinem Tod schuld gewesen wären. In den Sozialen Medien überschlugen sich die Verschwörungstheorien.