In Locarno hat man nach Mario Adorf und Harvey Keitel noch einer weiteren Filmlegende den roten Teppich ausgerollt und einen Ehrenleoparden überreicht: Roger Corman, inzwischen 90 Jahre alt, wurde in den 60er und 70er Jahren als Regisseur mit seinem Exploitationkino und seinen B-Movies berühmt, und hat später als Produzent die Karrieren von Größen wie Jack Nicholson, Martin Scorsese, Jonathan Demme oder auch James Cameron entscheidend vorangebracht. Insgesamt inszenierte er 56 Filme, von "Five Guns West" bis zu "Bloody Mama", und produzierte über 400.

Corman empfängt uns zum Gespräch in einem Hotel in Locarno, er ist erstaunlich gut in Form, spricht zwar sehr leise, aber präzise und hellwach. "Wenn man so will, war ich aus heutiger Sicht ein Wegbereiter für viele Entwicklungen im Hollywood-Kino", sagt Corman. "In einem meiner Western gab es zum Beispiel einmal einen weiblichen Sheriff. Das war völlig ungewöhnlich zur damaligen Zeit, aber ich habe immer nach der Maxime besetzt, wer der oder die beste für den Job ist. Und wenn das nun mal eine Frau war - schließlich machen sie mehr als 50 Prozent der Bevölkerung aus - dann besetzte ich eben eine Frau als Sheriff. Wir haben darum kein großes Aufhebens gemacht, denn ich finde das ganz normal".

Außerdem hat Corman das, was später als eine neue Filmgattung in die Geschichte eingehen würde, vorweggenommen. "Als ich viele meiner Filme drehte, gab es den Begriff ‚Blockbuster‘ noch gar nicht", erinnert sich Corman. "Dennoch hatten einige meiner Filme bereits die Ingredienzien, die es dafür brauchte. Als Steven Spielberg 1975 ‚Der weiße Hai‘ herausbrachte, war das Genre geboren, und viele Kritiker schrieben, der Film wäre wie ein Roger-Corman-Film, nur mit ordentlich Geld".

"Der weiße Hai" habe gezeigt, dass Hollywood doch lernfähig sei, meint Corman. "Man ist plötzlich draufgekommen, wie man richtige Kassenschlager produziert. George Lucas hat das zwei Jahre später mit ‚Star Wars‘ nochmals perfektioniert", so Corman.

"Ich frage mich, wo das Geld versickert"

Doch das seither einsetzende budgetäre Wettrüsten in der Filmbranche stößt einem bescheidenen Mann wie Corman sauer auf: "Wir haben damals unsere Filme schnell und günstig gedreht, und man konnte auf der Leinwand jeden Cent sehen, den wir ausgegeben haben", so Corman. Das sei heute mit astronomischen Budgets jenseits der 200 Millionen Dollar kaum mehr der Fall. "Als James Cameron ‚Titanic‘ drehte, der bis damals teuerste Film aller Zeiten, konnte man sehen, wofür das ganze Geld draufging. Aber wenn ich mir heute eine der unzähligen Comicverfilmungen ansehe, frage ich mich oft, wo das Geld geblieben ist. Wahrscheinlich ist es in Form von Darsteller-Gagen versickert".

2010 verlieh man ihm einen Ehrenoscar, "was mich damals wirklich sehr gefreut hat", so Corman. "Es war eine Form von Anerkennung, die ich bis dahin nicht kannte". Sein Werk hat die Zeit gut überstanden, das hat auch die Academy erkannt, und vor allem auch den Umstand, wie prägend sich Cormans Karriere auf andere Künstler ausgewirkt hat.

"Im Gegensatz zu damals hat sich das Filmemachen heute radikal verändert. Und zwar auf zwei Arten", berichtet Corman. "Erstens: Man kann heute so billig wie noch nie einen Film in Kinoqualität herstellen. Die Kameras sind sehr günstig, ganz im Gegensatz zu damals, als das Filmmaterial und das Kopierwerk einen Gutteil des Budgets verschlangen. Zweitens: Heute ist es jedoch ungleich schwieriger geworden, die Filme auch herauszubringen. Zu meiner Zeit bekam jeder meiner Filme einen anständigen Kinostart. Das ist heute gar nicht mehr möglich", sagt Corman. Dazu sei die Anzahl der produzierten Filme einfach "zu groß".

Die Lösung liegt in neuen Formen der Rezeption: "Von Netflix bis Amazon gibt es eine Menge neuer Vertriebsmöglichkeiten, das wird mit Sicherheit noch wachsen", meint Corman. "Aber am Ende geht doch nichts über ein kollektives Filmerlebnis in einem Kino".