"Lucky You": Frechheit siegt im Leben der Kriminellen Harley Quinn (Margot Robbie). - © Warner Bros.
"Lucky You": Frechheit siegt im Leben der Kriminellen Harley Quinn (Margot Robbie). - © Warner Bros.

Wenn Margot Robbie sich in der Rolle von Harley Quinn im Trailer zu "Suicide Squad" (ab Freitag im Kino) in ihrer Hot Pants nach vorne in eine zerschlagene Schaufensterscheibe bückt, um ein silbernes Handtäschchen zu entwenden, dann ist der Stoff über ihrem Hinterteil so knapp bemessen, dass die Verantwortlichen bei Warner Brothers ihn vorsorglich digital etwas großzügiger nachbearbeitet haben sollen. Man will die Moralapostel unter den US-Kinobesuchern ja nicht schon beim Trailer in die Flucht schlagen. Einer der umstehenden Soldaten sagt: "Was ist bloß los mit Euch Leuten", und er meint nicht Harleys fast freiliegendes Gesäß, das in schwarzen Netzstrümpfen steckt, sondern die geklaute Tasche. "Wir sind die Bösen", gibt Harley zurück. "Und die machen so was nun mal."

Eine Szene, die ziemlich gut umreißt, welches Spektakelpotenzial in der Konstellation von "Suicide Squad" steckt. Hier gehen nämlich nicht die Guten auf Verbrecherjagd, sondern hier bittet die Regierung die Bösesten der Bösen um ihre Hilfe beim Kampf gegen etwas, das noch viel böser ist. Ein letztes Aufgebot an Abschaum, das es richten soll für die Menschheit. Und neben der quirligen Harley Quinn gehören da unter anderem noch Dead-
shot (Will Smith), Rick Flag (Joel Kinnaman) und Captain Boomerang (Jai Courtney) dazu.

Kesse Verführerin


Die lässig-laszive Harley Quinn sticht aus dieser Bande an Verbrechern himmelhoch heraus, auch, weil sie wie der Prototyp eines neuen (Anti-)Helden daherkommt. Sie vereint bodenlose Frechheiten und schamlose Erotik, abstoßende Primitivität und einnehmende Verführungskunst in einer Person. Eine "Rotzgöre" mit den platinernen Haaren einer Gwen Stefani, dem grungigen Look einer Courtney Love, der Punk-Attitüde der frühen Vivienne Westwood. Ganz kess lugt unter den knappen Hot Pants im vorderen Schambereich ein Tattoo mit der Aufschrift "Lucky You" hervor. So geht Bauchfrei-Feminismus.

Harley Quinn soll für das Studio Warner Brothers, das "Suicide Quad" in die Kinos bringt, wohl die ideale Projektionsfläche für männliche wie weibliche Teenager sein. Die einen verzehren sich nach ihr, dem sexy verruchten, ungestümen Weibsbild, die anderen sehen in ihr vielleicht gar eine Ikone eines modernen, wenig ideologischen, dafür materiell orientierten Feminismus, weil sich diese Frau einfach nimmt, was sie möchte.

Harley Quinn erinnert in ihrer ungestümen Art und auch im Outfit ein bisschen an die junge Nina Hagen, die 1979 im "Club 2" einer Riege geschockter Gäste den Zweck und die Erlangung des weiblichen Orgasmus erklärte. Der (feministische) Fortschritt besteht darin, dass das 2016 niemanden mehr verstören würde. Die Comicfigur fungiert also auch ganz gut als Gradmesser des Feminismus, weniger als sein Protagonist. Zugleich ist Harley Quinn in den Comics und im Kino immer noch tausend Mal jugendfreier als die Hagen. Hollywood eben.

Andererseits führt die Feminismus-Debatte ins Leere, denn als Figur in den Comics aus dem DC-Universum, dem auch Batman und Superman angehören, spielte sie von Geburt an eine manchmal auch devote Rolle; Harley ordnete sich der Liebe wegen unter, das ist ziemlich unfeministisch.

Devote Untertanin


Und ihre Liebe galt und gilt seit ihrer Einführung in die Comicreihe "Batman: The Animated Series" im Jahr 1992 niemand Geringerem als dem Joker persönlich. Er ist der fieseste Verbrecher des Planeten, und weil Harley ihn in ihrer Frühzeit als Psychiaterin Dr. Harleen Quinzel im Gefängnis "Arkham Asylum" betreut hat, ist sie ihm emotional auch gleich anheimgefallen und hat sich verliebt in seine geschundene Seele, auch, weil ihr der Joker Blumen schickte, nachdem ihn ihr Name so sehr an den Harlekin erinnerte. Harleys Liebe hat er allerdings nie erwidert, denn die Comiczeichner wollten ihm keinerlei menschliche Züge zugestehen; Psychopathen wie er haben keine Freundin. Stattdessen hat er seine Gespielin lieber nach Strich und Faden missbraucht, wo er nur konnte: sie von Gebäuden geworfen, sie gequält und geschlagen. Harleys Liebe ist dadurch sogar noch gewachsen. Man könnte sogar sagen: Sie war als Widerpart zum Joker konzipiert worden, an dem er sich reiben konnte.

Von da an war Harley Quinn fixer Bestandteil des DC-Universums und später über viele Jahre auch im beliebten Videogame "Batman: Arkham Asylum", in dem sie eine gewichtige Rolle hatte. Dass Harley Quinn ihren ersten Auftritt in einem Narrenkostüm absolvierte, ist ihrer großen Nähe zur Figur des Arlecchino aus der Comedia dell’ arte geschuldet, der genau die Ambivalenzen in sich vereint, die Quinn als Comicfigur beliebt machen. Die Kunstfigur des Harlekins, deren Ursprung im 11. Jahrhundert vermutet wird, ist so vielgestaltig wie der Mensch selbst: In ihm steckt ein kleiner Teufel, er ist listig und lustig, trickreich und charmant, ordinär und ungehobelt. Er gehört zu den Gauklern und Akrobaten, er ist ein Possenreißer, hat keinerlei Respekt, frönt irdischen Leidenschaften wie Sex oder der Völlerei, ist aber auch beliebt beim Publikum, weil er nicht nur Spaß verbreitet, sondern auch Dinge aussprechen darf, die für andere tabu sind. Nur eines ist er nie gewesen: eine Frau.