• vom 30.08.2016, 15:48 Uhr

Film

Update: 26.08.2017, 15:07 Uhr

Filmfestspiele Venedig

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Von Matthias Greuling

  • Der Lido von Venedig präsentiert sich zum Start der 73. Filmfestspiele so aufpoliert wie lange nicht.

Mit dem Musical "La La Land" eröffnen die Filmfestspiele von Venedig heute Abend mit Emma Stone und Ryan Gosling. - © La Biennale di Venezia

Mit dem Musical "La La Land" eröffnen die Filmfestspiele von Venedig heute Abend mit Emma Stone und Ryan Gosling. © La Biennale di Venezia

Venedig. Früher musste auf den Boden achten, wer über den Lido von Venedig zur nächsten Vorführung hastete, denn allerorten entbehrte das Trottoir einer ebenmäßigen Ausgestaltung, weil sich die Natur mit all ihrem Wurzelwerk längst zurückgeholt hatte, was der Mensch vor langer Zeit ebnete. Nicht wenige Journalisten-Kollegen beendeten ihr venezianisches Filmfestival darob im "Ospedale" im Sestiere Castello, wo manche mit Prellungen, andere mit komplizierten Brüchen eingeliefert worden sind. Auf dem Lido waren die Straßen in einem derartig schlechten Zustand, dass bei einem Wolkenbruch binnen Minuten 30 Zentimeter tiefe Straßenseen den Verkehr lahmlegten.

Das ist alles Geschichte, denn solche Straßen gibt es hier nicht mehr. Die Stadtgemeinde Venedig hat sich ein Herz gefasst und den maroden Lido zurechtgeputzt, mit neuem, teurem Stein in Zartbeige für die Gehwege und einer planen, pechschwarzen Asphaltdecke für die wichtigsten Straßen.


Die Busse der ACTV sparen sich auf diese Weise vermutlich die bisher jährlich zu tauschenden Stoßdämpfer. Die Restaurants an der Gran Viale Santa Maria Elisabetta, der Lebensader der Insel, haben den Umbau genutzt, um selbst frischen Wind in ihre Deko und Bestuhlungen zu bringen.

Gefälligkeits-Aufstand
Fußgänger könnten sogar vertieft in ihre Programmhefte zum Palazzo del Cinéma schlurfen, da würden sie über nichts mehr stolpern. Höchstens über die Sicherheitsabsperrungen rund um das Festivalgelände, die selbst nach 9/11 nicht so drastisch waren wie heuer. Nach dem Anschlag von Nizza im Juli will man nichts dem Zufall überlassen und hat beim Festivalpalast und Casino Straßensperren aus Beton zur Verlangsamung von Fahrzeugen eingerichtet.

Solche Maßnahmen, wo Fahrzeuge langsam Zickzack fahren müssen, kennt man von Straßen vor gefährdeten Botschaften oder bei Checkpoints in Kriegsgebieten - bei Filmfestivals sind sie neu. Jedoch sitzt den Veranstaltern derartiger Großereignisse die Angst im Nacken.

Der Superintendent von Venedig hat die Parole ausgegeben: "Alle Menschen, die den Bereich des Filmfestivals betreten, müssen bereits im Vorfeld kontrolliert worden sein". Das wird bedeuten: lange Wartezeiten mit Metalldetektor-Kontrolle. Allerdings sind hier bisher immer jegliche Sicherheitsmaßnahmen nach ein paar Tagen Hypernervosität auf typisch italienische Weise gelockert worden. Repräsentieren war dann immer wichtiger als agieren.

Am Ende glänzten die Uniformen der Carabinieri meist noch strahlender als die Stars am roten Teppich. Aber wer weiß, vielleicht hat sich das alles doch geändert.

Der Star-Faktor bleibt für die Filmschau in der Lagunenstadt, neben der Filmkunst, wohl die wichtigste Legitimation - schließlich ist Venedig das älteste Filmfestival der Welt. Seit Jahren ringt es um Bedeutung mit dem zeitgleich stattfindenden Festival von Toronto, das mehr und mehr (US-)
Prominenz anzieht.

Venedig wirkt dagegen wie aus der Zeit gefallen, vor allem wenn es um Geschwindigkeit geht. Die 40 Minuten vom Bahnhof zum Lido im Express-Vaporetto sind verdammt lange, weshalb die meisten Venezianer (und auch schon die Mehrheit der Touristen) scheinbar gar nicht mehr aus dem Fenster sehen, sondern lieber am Smartphone stöbern. Aber die Fotomotive hier sind noch immer unschlagbar.

Damit das so bleibt, musste auch ein wenig an der Infrastruktur gefeilt werden - und dabei ist man zur Überraschung aller endlich in der Lage gewesen, das seit bald einem Jahrzehnt klaffende Asbest-Loch neben dem Casino zuzuschütten, wo man eigentlich einen Neubau des angegrauten Palazzo del Cinema aus der Mussolini-Ära geplant hatte. Daraus wurde nichts, die Kosten explodierten, die Asbest-Grube blieb notdürftig abgedeckt für viele Jahre geöffnet. Jetzt befindet sich hier die "Area Giardino", ein Garten mit einem roten Kubus in der Mitte, einem neuen Kinosaal.

Der "Sala del Giardino" fasst 446 Sitzplätze und erhöht die Festivalkapazität an Kinosessel auf 5832. Biennale-Präsident Paulo Baratta habe "diesen Tag schon sehr lange herbeigesehnt".

Das sind aufmunternde Lebenszeichen vom Festival von Venedig, das sich in den letzten Jahren vermehrt der Kritik aussetzen musste, in Schönheit erstarrt dem Untergang geweiht zu sein. Doch man probt den Gefälligkeits-Aufstand.

Auch im Filmprogramm der 73. Festspiele, die von 31. August bis 10. September laufen, ist ein Ruck spürbar. Das gilt sowohl für die populären Star-Filme, die das Festival mit eben jenen Fotomotiven so weltberühmt gemacht haben, wie auch für die Filmkunst. Vorbei scheint die Zeit, in der man seinen Film "lieber zur Berlinale oder nach Cannes" eingereicht hatte.

Hochkarätiges Programm
Bei den publikumsträchtigen Filmen stechen etliche Prestige-Projekte der Studios hervor, die bald schon auch im Oscar-Rennen mitmischen dürften.

Etwa der Eröffnungsfilm, das Musical "La La Land" von Damien Chazelle ("Whiplash"), in dem Emma Stone und Ryan Gosling im Tanzschritt eine Hommage an das goldene Zeitalter des Hollywood-Musicals wagen. Für Venedigs Festivalchef Alberto Barbera ist "La La Land" ein "Neubeginn des Musical-Genres", weshalb er dieses Star-Vehikel auch im Wettbewerb um den Goldenen Löwen zeigt.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2016-08-30 15:53:05
Letzte Änderung am 2017-08-26 15:07:01


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