Venedig. Es gibt bei Filmfestivals von der Größenordnung wie Cannes, Berlin oder Venedig einen beliebten Indikator, wer am Ende die begehrten Preise holen könnte. In den täglichen Festivalmagazinen veröffentlichen Kritiker aus aller Herren Länder ihre Sternewertung für die einzelnen Wettbewerbstitel, und daraus wird das Mittel errechnet, damit man die sogenannten Favoriten auf einen Blick erkennen kann.

Das hat natürlich nur begrenzte Aussagekraft, denn die Einzelmeinungen des "Corriere della sera", von "Variety" oder der "Süddeutschen" mögen jede für sich Gewicht haben, über den Kamm scheren lässt sich allerdings nichts. Kritiker, so sollte es zumindest sein, sind genau solche Individuen wie die Mitglieder einer bunt zusammengewürfelten Festival-Jury, nur meistens abgebrühter, kritischer, oder zumindest weniger leicht zu verführen. Weshalb es bei diesen Wertungen meistens am Ende die völlig falschen Erwartungen gibt.

Natalie Portman bietet sich an


Beim 73. Filmfestival von Venedig, das heute, Samstag, mit der Preisverleihung endet, stehen etliche Filme hoch in der Kritikergunst, die erfahrungsgemäß eher wenig Chancen auf einen Preis haben - was mitunter auch an schlichten logistischen Problemen liegen mag. So führt das Kritiker-Ranking etwa noch immer der Eröffnungsfilm des Festivals, das Musical "La La Land" an, aber es ist eher unwahrscheinlich, dass zum Beispiel Emma Stone für ihre brillante Darstellung einen "Coppa Volpi" bekommen wird. Dafür sollte sie nämlich nach Möglichkeit anwesend sein, und es erscheint unrealistisch, dass Emma Stone noch ein zweites Mal nach Venedig reist, nur um sich diesen Preis abzuholen. Wer böte sich also an? Am besten jemand, der sowieso noch in der Stadt ist, also einen relativ späten Auftritt beim Festival hatte. Natalie Portman zum Beispiel. Sie spielt in "Jackie" des Chilenen Pablo Larrain ("No!") die von Trauer völlig übermannte Jackie Kennedy, die eine Woche nach JFKs Ermordung einem Journalisten ein Interview gibt und dabei verzweifelt und erfolglos um Fassung ringt.

Larrain inszeniert sein US-Filmdebüt als frontalen Blick auf die zerrissene Gefühlswelt seiner Protagonisten, die irgendwo festhängt zwischen dem Schock über die Gehirnteile ihres Mannes, die ihr in Dallas plötzlich um die Ohren flogen, zwischen dem Mannsbild und Vater Kennedy, dessen zahlreiche Affären hier auch durchklingen und zwischen dem Erbe, das der tote Präsident hinterlassen soll. Jackie versucht in diesen vier erzählten Tagen nach dem Tod ihres Mannes alles, um an seinem Bild in der Nachwelt zu arbeiten, das man heute kennt, das damals aber auch in eine andere Richtung hätte geschrieben werden können.