Amat Escalante - © Katharina Sartena
Amat Escalante - © Katharina Sartena

Venedig. Ein Oktopus-artiges Monster in einer Holzhütte ist eine der Hauptfiguren in "La región salvaje" des Mexikaners Amat Escalante ("Heli"), der dafür in Venedig (ex aequo mit dem Russen Andrei Kochalovsky) soeben den Preis als bester Regisseur erhielt. Das Monster befriedigt mit seinen Tentakeln Männer wie Frauen sexuell, zum Beispiel die junge Verónica, der in ihrem Familienleben der richtige Kick fehlt, den sie bei ihrem Mann und bei Männern generell schon lange nicht mehr verspürt. Aber die Wunderkrake kann das, was andere nicht können, und so pendelt Escalantes Drama über sexuelle Begierden, die man sich selbst nicht gestattet, irgendwo zwischen Body Horror und Farce und rechnet schonungslos mit Sexismus und Homophobie ab, die (nicht nur) in Mexikos Gesellschaft so fest verankert scheint wie das Kreuz auf jeder Kirche.

Alejandra (Ruth Ramos) braucht harten Sex mit einem Kraken-Monster. - © La Biennale di Venezia
Alejandra (Ruth Ramos) braucht harten Sex mit einem Kraken-Monster. - © La Biennale di Venezia

"Wiener Zeitung": Wie kamen Sie auf die Idee zu Ihrem Film?

Amat Escalante: Die Idee hatte ich nach der Lektüre eines Zeitungsartikels, der in dem meistgelesenen Boulevardblatt aus meiner Heimatstadt erschienen war. Der Titel lautete: "Kleine Schwuchtel ertrunken", und es ging dabei um einen Krankenpfleger, der zu Tode gekommen war, aber er wurde auf seine Homosexualität reduziert. Ich war geschockt, dass niemand sich zu einer solchen Formulierung äußerte, aber das sagt sehr viel über die Gesellschaft, in der wir leben, aus. Der Film soll illustrieren, wie sehr viele Menschen ihre Sexualität unterdrücken, um in der Gesellschaft nicht aufzufallen.

Braucht es dazu den absurden Einfall des Kraken-Monsters, das Menschen sexuell befriedigt?

Zu Beginn wollte ich von der sexuellen Befreiung einer Frau erzählen, aber schnell wurde mir klar, dass ich das Thema stilistisch und inhaltlich überhöhen musste, um das zu erzählen, worauf es mir ankam. Natürlich barg das ein großes Risiko, zu scheitern, denn die Story um ein Monster, das ein bisschen aussieht wie ein Oktopus und das der sexuellen Befriedigung meiner Protagonisten dient, klang zugegeben schon recht riskant auf dem Papier. Deshalb kam mir sehr entgegen, dass ich den Film in sehr bescheidenem Rahmen umsetzen konnte. Davon zuerst eine Reihe von Produzenten und Geldgebern überzeugen zu müssen, wäre wirklich schwierig gewesen. Ich hatte allerdings den Vorteil, dass ich aufgrund meiner bisherigen Filme relativ frei darin war, mein nächstes Projekt auf meine Weise umzusetzen.

Glauben Sie, der Film könnte zu einer Diskussion über Sex führen?

Das ist schwierig. Aber ich hoffe, dass die Zuschauer bemerken, worum es mir geht. Ich denke, alles, was man im eigenen Leben unterdrückt, kreiert solche Monster in einem, wie es sie auch in meinem Film gibt. Es gibt dann etwas, das in dir schlummert und das irgendwann einmal aus dir herausbricht und zu wüten beginnt. Ich glaube, dass sich viele Mexikaner sehr gut in den Details meines Films wiederfinden können, oder zumindest wissen, welche Dinge ich anspreche.

Der Film zelebriert explizite Bilder. Wieso reizen sie das so aus?

Ich zeige in all meinen Filmen mehr, als ich müsste. Das ist also der entgegengesetzte Weg von dem, was man aus der klassischen Dramaturgie kennt. Wo andere wegschneiden, bleibe ich mit der Kamera drauf, bis es wehtut. Ich weiß nicht, ob das mein Stil ist, aber es ist sicherlich mein Instinkt, es so zu tun. Ich will das Publikum nicht verschonen. Dann fühle ich mich wahrhaftig.

In diesem Fall kann man fast von einer Stilübung im Genre des Body Horror sprechen. Stimmen Sie dem zu?

Ja, mich interessiert dieses Genre, denn ich mag es, wenn man vom Zuschauer eine Reaktion bekommt. Das gelingt meistens bei Komödien, wo man das Lachen hört, aber auch beim Horrorfilm, wo das Erschrecken auch eine sehr physische Reaktion darstellt. Eigentlich haben alle meine Filme die Leute verschreckt.

Und das ausgerechnet in der konservativ-katholischen mexikanischen Gesellschaft...

Genau. Die meisten meiner Filme habe ich in der Region in Mexiko gedreht, in der ich aufgewachsen bin: Die Gegend um Guanajuato ist sehr konservativ und setzt auf Werte und Traditionen. Es ist zugleich der katholischste Bundesstaat Mexikos. Es gab dort kürzlich eine Kontroverse um ein Kapitel über Safer Sex in Schulbüchern, und die konservativen Kräfte erreichten sogar, dass das Kapitel wieder aus den Schulbüchern entfernt wurde.

Mit welcher Haltung gehen Sie an die Umsetzung eines Films wie "La región salvaje" heran?

Der Film hat tatsächlich keine intellektuelle Seite. Ich bin auch kein intellektueller Typ, sondern sehr physisch im Erzählen meiner Geschichten. Der Film ist, was er ist. Er hat keinen doppelten Boden. Ich kalkuliere meine Geschichten nicht durch, das heißt, es gibt keine Reißbrett-Philosophie dahinter. Ich beginne meist damit zu erzählen und sehe dann, wohin mich die Geschichte führt. Ich glaube, man muss dazu kein Intellektueller sein, sondern nur den Bezug zu sich selbst nicht verlieren und sich selbst vertrauen. Dann ergibt das die reinste Form von Arbeit, die ich leisten kann.

Inwieweit hat der Erfolg des mexikanischen Kinos der letzten Dekade auch Ihren Erfolg ermöglicht?

Leute wie Alejandro González Iñárritu oder Alfonso Cuarón haben viel für das mexikanische Kino getan, weil sie auch den Nachwuchs immer unterstützt haben. Iñárritu und Cuarón haben das Drehbuch zu meinem ersten Film gelesen und mir Tipps gegeben. Sie haben die mexikanische Filmbranche geeint. Davor war das ein geschlossener Verein, wo nur die Neffen und Cousins bereits etablierter Filmemacher einen Job bekamen. Ich als Autodidakt hätte da keine Chance gehabt.