Venedig. Die Filme von Lav Diaz aus den Philippinen brechen weniger mit Sehgewohnheiten als vielmehr mit den Tempi der hastigen Gesellschaftsordnung, in der wir leben. Diaz’ Film "The Woman Who Left", der am Samstag beim 73. Filmfestival von Venedig mit dem Goldenen Löwen prämiert wurde, gehört dabei zu den eher kurzen Werken des Regisseurs. Mit 226 Minuten Spielzeit unterbietet Diaz sowohl seinen sechsstündigen Locarno-Sieger von 2014, "Mula sa kung ano ang noon", als auch seinen achtstündigen "Hele Sa Hiwagang Hapis", der ihm bei der heurigen Berlinale den Alfred-Bauer-Preis für innovatives Kino einbrachte.

Nun also der Goldene Löwe. Wenn dieser Mann so weitermacht, dann hat er bald alle wichtigen Filmpreise dieser Welt zuhause stehen - vorausgesetzt, die Jurys der Filmschauen bringen weiterhin die Geduld dazu auf, sich von seinen Werken beseelen zu lassen. Denn schon wird harsche Kritik laut an den Juroren, die sich für Diaz’ träges Kino starkmachen.

Chronist von Befindlichkeit


Dabei tut man dem philippinischen Filmemacher auch ein wenig Unrecht. Zwar mag es eine Herausforderung an die Aufmerksamkeit der Zuschauer sein, sechs Stunden lang durch den philippinischen Dschungel zu gleiten, noch dazu in Schwarzweiß, aber Diaz versteht sich als akribischer Chronist der Befindlichkeiten seiner Heimat und solche Stimmungsbilder brauchen eben ihre Zeit, davon ist der Filmemacher überzeugt.

"The Woman Who Left", das neue Werk, wirkt mit seinen vier Stunden wie ein Kurzfilm. Diaz erzählt von Horacia (Charo Santos-Concio), die jahrzehntelang zu Unrecht im Gefängnis saß und nach ihrer Freilassung die Umstände ihrer Haft und die wahren Täter herausfinden will.

Diaz reflektiert hier wie in all seinen Filmen die Mentalität seiner Heimat, historisch verankerte Wendepunkte und ihre oftmals schwerwiegenden Auswirkungen auf die Gesellschaft. Scheinbar unbeirrbar folgt er diesem Weg, auch wenn das bedeutet, dass seine Filme fast nie einen regulären Kinoeinsatz erhalten, sondern nur in Sondervorführungen auf Festivals laufen oder im Nachtprogramm mancher Kultursender.

Immerhin verlässt Diaz für "The Woman Who Left" seinen sonst so ausufernden Stil in die Länge gezogener Bilder. Der Film wirkt beinahe wie eine Reportage, es gibt Mord und Totschlag, aber auch Rachegefühle und Hinterlist. Dennoch landet Diaz bald wieder bei seinem Ruhepuls; das Schwarzweiß ist hier noch kontrastreicher als sonst, es lässt weniger Grauschattierungen zu. Gestalterisch will uns Diaz sagen, wie schwarz und weiß die Welt geworden ist - er nennt das bei all der bildlichen Stilisierung: wahrhaftig.

Diaz ist ein gebranntes Kind seiner Heimat, aufgewachsen in der Diktatur von Ferdinand Marcos, unermüdlich auf der Suche nach Wahrheit. Auch deshalb setzt dieser Künstler auf den Zeitfaktor bei seinen Filmen: So mancher Zusammenhang braucht nämlich viel Zeit, um als solcher erkannt zu werden.