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München. Politisch, kritisch, unbequem und immer mit dem Finger in den Wunden seiner amerikanischen Heimat. Der 70-jährige Großmeister des politischen Hollywoodfilms Meisterregisseur Oliver Stone, mit buschigen Augenbrauen und tiefer Stimme, ist eine Kämpfernatur. Der Buddhist, der mit "Platoon", "Wall Street" und "Natural Born Killers" Filmgeschichte schrieb, liegt mit dem Macht- und Profitstreben der USA im Krieg. Kein Wunder, dass den vierfachen Oscarpreisträger der Whistleblower Edward Snowden beeindruckt. Schließlich setzte der ehemalige CIA-Mitarbeiter seine Existenz aufs Spiel, um die weltweiten Überwachungsmethoden der NSA zu enthüllen. Die "Wiener Zeitung" sprach mit dem sympathischen Alpha-Tier im "Bayerischen Hof" in München.

"Wiener Zeitung": Herr Stone Sie haben Ihren Film zum Großteil in Bayern in den Münchener Bavaria Studios gedreht. Warum?

Oliver Stone: Kein Hollywood-Studio wollte das Thema anrühren. Es war bizarr. Obwohl Sie das Skript mochten. Sie wirkten auf mich eingeschüchtert. Aus Angst vor den Regierungsbehörden reagierten sie in vorauseilendem Gehorsam mit Selbstzensur. Es war eine Schande. Ohne die deutsche und speziell bayerische Förderung hätten wir den Film nicht drehen können.

Was war neben der Finanzierung die größte Herausforderung?

Die Dramatisierung. Ich wusste anfangs gar nicht, wie wir daraus einen Thriller machen können. Schließlich ist Programmieren per se nicht besonders spannend, sondern eine recht trockene Angelegenheit, eine abstrakte Zone aus Codes und Algorithmen. Und dass Eduard als Person eher introvertiert ist, machte die Sache nicht leichter. Glücklicherweise ist seine Freundin Lindsay Mills das Gegenteil. Dass er in den neun Jahren, die er für die National Security Agency arbeitet, kein seelenloser Roboter wird, wie so viele seiner Kollegen, das verdankt er ihr.

Wie hat er auf Sie gewirkt, als Sie ihn persönlich getroffen haben?

Ich war sehr beeindruckt von seiner Klarheit, seiner Entschlossenheit, seiner Intelligenz, seiner Hingabe und seinem Idealismus. Er scheint völlig ohne Hintergedanken zu sein. Da gab es überhaupt keinen Zynismus. Und das hat mich überrascht. Ich habe viel länger gebraucht, um ein politisches Gewissen zu entwickeln.

Ihr Hauptdarsteller Joseph Gordon-Levitt verkörpert den inneren Konflikt Snowdens sehr authentisch.

Er war meine erste Wahl. Ich habe nicht das "Star-Game-Spiel" abgezogen, um mit großen Namen als Zugpferde meinen Film finanziert zu bekommen.

Immer wieder tauchen Vorwürfe auf, dass Snowden nicht umsonst in Russland Asyl genieße und inzwischen ein russischer Spion sei. Was sagen Sie dazu?

Wenn Ed ein Spion wäre, wäre er der beste Schauspieler, den ich je erlebt habe. Dann hätte er den Oscar verdient. Zumal er Russland laufend kritisiert. Er ist ja nicht im Exil in Moskau, weil er sich das ausgesucht hat, sondern weil das Außenministerium seinen Pass für ungültig erklärte. Deshalb konnte er nicht nach Südamerika fliegen, um dort Asyl zu beantragen. Für mich steht er in der Tradition von Männern wie Henry David Thoreau, der im 19. Jahrhundert zum zivilen Ungehorsam aufrief. Meiner Meinung hat er den Friedensnobelpreis verdient und nicht ein Präsident Obama.

Wäre Snowden denn in Lateinamerika sicherer?

Nein, ich glaube im Moment bestimmt nicht. Denn die USA versucht gerade wieder die Regierungen dort zu destabilisieren. Und Russland ist nun mal eines der wenigen Länder, mit denen die USA kein Auslieferungsabkommen haben.

In Hollywood gelten Sie als "Chefverschwörer"...

Meist passiert hinter den Kulissen mehr, als zugegeben wird. Eine meiner Lebenserfahrungen ist, dass Regierungen nicht selten lügen. Und die USA, einer der mächtigsten Staaten in der Welt, ist einer der größten Lügner und
gebärdet sich inzwischen wie ein Polizeistaat. Die US-Regierung führt mithilfe der Geheimdienste Krieg gegen die eigene Bevölkerung. Das macht mich wütend. Wenn diese Leute wollen, können sie jeden brechen. Mit dem persönlichen Material, das gesammelt wird, können sie alle diskreditieren. Snowden hat uns das bewusst gemacht. Aber wir sprechen hier nicht nur über einen massiven Überwachungsstaat, sondern auch über die zunehmende Cyber-Kriegsführung, eine sehr bedrohliche Sache. Viele meiner Landsleute glauben nicht, dass ich ein Mann bin, der sein Vaterland aufrichtig liebt. Aber ich kann diese Barbarei nicht decken. Ich kämpfe, um meine Version von Amerika.

Warum wollten Sie die Geschichte, die bereits im Oscar-prämierten Dokumentarfilm "Citizenfour" von Laura Poitras erzählt wurde, noch einmal als Spielfilm erzählen?

"Citizenfour" war ein ausgezeichneter Film, aber er beschränkte sich auf die fünf oder sechs Tage in Hongkong. Die Hintergründe zeigt er nicht auf. Bei uns geht es um neun Jahre. Wir kombinieren verschiedene Charaktere und Jahre, um ein komplettes, lebendiges Bild dieses Menschen zu bekommen. Auch seine Beziehung zu Lindsay Mills spielt in der Dokumentation keine Rolle. Bei uns ist diese Figur entscheidend für die Geschichte, nicht zuletzt, um ein breiteres Publikum für das Thema zu sensibilisieren.