Douglas Fairbanks als sympathischer Dieb von Bagdad. - © Photoplay Productions
Douglas Fairbanks als sympathischer Dieb von Bagdad. - © Photoplay Productions

Zum 35. Mal präsentieren die Stummfilmtage in Pordenone eine Woche lang eine Vielzahl restaurierter Streifen. Die Giornate del Cinema Muto, so der italienische Originaltitel des internationalen Festivals, das heuer vom 1. bis 8. Oktober in der friaulischen Industriestadt südwestlich von Udine stattfindet, werden am Samstagabend im Teatro Giuseppe Verdi von Pordenone mit "The Mysterious Lady" (1928, Regie: Fred Niblo) eröffnet.

Protagonistin des Films ist die immer noch als "Göttliche" bekannte Greta Garbo (nach ihrem im selben Jahr gedrehten Film "Das göttliche Weib"). Im deutschen Sprachraum ist das Spionagedrama unter dem Titel "Der Krieg im Dunkel" oder auch unter "Die Dame von Loge 13" bekannt.

Orchestermusik und Hommage an Nizza


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Giornate del Cinema Muto
Das Programm
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Bei den Stummfilmtagen wird nicht nur den filmischen Originalversionen gehuldigt. Die Streifen werden auch großteils im traditionellen Ambiente mit Live-Musik aufgeführt. Im Fall der Festivaleröffnung bedeutet das die konzertante Begleitung durch das 61-köpfige Orchestra San Marco di Pordenone unter der Leitung von Carl Davis, von dem auch die Partitur stammt.

Als Vorprogramm läuft unter anderem eine Hommage an die Mitte Juli vom Terror getroffene Stadt Nizza: Jean Vigos Ode an die Lebensfreude "À propos de Nice" (1930), am Klavier begleitet von John Sweeney. Stummfilmtage-Direktor Jay Weissberg wollte damit ein Zeichen setzen und Nizza nicht nur mit Tragödie und Terror in Verbindung bringen.

Jay Weissberg wurde vor einem Jahr, als Nachfolger von Langzeitleiter David Robinson, zum neuen Direktor der Stummfilmtage Pordenone bestellt, die unter der Ägide der Cineteca del Friuli (Leitung: Livio Jacob) veranstaltet werden. Weissberg, gebürtiger New Yorker, lebt in Rom und arbeitet seit vielen Jahren als Filmkritiker für das US-Filmfachblatt "Variety", was ihn zu zahlreichen Festivals rund um den Globus führte. Für die "Giornate" hat er bereits 2009 die Retrospektive "Sherlock and Beyond: British Detectives in Silent Cinema" organisiert. Ferner war er in jüngerer Zeit einer der Kuratoren der John-Barrymore-Retro des Festivals.

William Cameron Menzies' Oscar

Auch für den Abschluss der Stummfilmtage ist ein Paukenschlag vorgesehen. Am 8. Oktober wird der Film "Der Dieb von Bagdad" ("The Thief of Bagdad") von Raoul Walsh aus dem Jahr 1924 in seiner Originallänge gezeigt, musikalisch begleitet wiederum vom Orchestra San Marco di Pordenone, diesmal unter der Leitung von Mark Fitz-Gerald, der auch die Originalpartitur des Films von Mortimer Wilson rekonstruiert hat.

In der Hauptrolle der von "Tausendundeine Nacht" inspirierten Märchen-Story ist Douglas Fairbanks zu erleben. Die meisterhafte Gestaltung des Films ist dem Szenenbildner und Ausstatter William Cameron Menzies zu verdanken, dessen Arbeiten bei den Stummfilmtagen ein Schwerpunkt gewidmet ist. Menzies war übrigens einst der erste Vertreter seines Genres, der mit einem Oscar geehrt wurde.

Das Österreichische Filmmuseum in Wien ist einmal mehr beim Festival in Pordenone dabei und zeigt zwei Kurzfilm-Raritäten aus seiner Restaurierungswerkstatt: "Prater" (1929) von Friedrich Kuplent und "Africa Before Dark" (1928), einen Walt-Disney-Zeichentrickfilm. Die Arbeit des Wiener Amateurfilm-Pioniers Kuplent gilt als Beispiel für nicht-industrielles Filmschaffen ihrer Zeit. Und der Disney-Film ist eine Sensation, denn er galt ursprünglich als verschollen. "Africa Before Dark" zeigt den Vorgänger der legendären Micky Maus, im Original Mickey Mouse, nämlich den Hasen Oswald, "the lucky rabbit". Besucher des Filmmuseums konnten den Kurzfilm bereits in der Vorjahrs-Retro "Animals" sehen. Er wurde in Kooperation mit den Disney-Studios anhand der weltweit einzig erhaltenen Nitrokopie aus dem Bestand des Filmmuseums digital restauriert.

Max Reinhardt und Lumière in Venedig

Ein Anklang an Österreich ist auch im Spezialprogramm "Venetianische Nacht" zu finden: Bei der einstündigen deutschen Produktion führte Max Reinhardt Regie. Der Erneuerer der Theaterregie des vorigen Jahrhunderts hat sich auch mit großer Leidenschaft dem Film gewidmet. 1913 verfilmte er mit Karl Gustav Vollmoeller als Pantomime die Geschichte "Venezianische Abenteuer eines jungen Mannes" an Originalschauplätzen.

Ergänzend dazu läuft ein Venedig-Programm sozusagen aus den ersten Tagen des Kinos. Kurzfilme, die von Kameramännern der Gebrüder Lumière in den Jahren 1896 bis 1898 in der Lagunenstadt gedreht wurden. Sie liefen heuer unter dem Titel "120 Jahre Kino in Venedig" auch bei den Filmfestspielen auf dem Lido. "Protagonisten" der ersten Venedig-Filme sind etwa die Tauben vom Markusplatz, ein Vaporetto, also die "Dampf-Tramway" des Canal Grande, vor der Rialto-Brücke und eine Gondel.

 Die Garbo mit Conrad Nagel.
 Die Garbo mit Conrad Nagel.

In einem Schwerpunkt widmen sich die Stummfilmtage dem frühen polnischen Film, der lange Zeit als große Unbekannte galt. In Pordenone sind fünf wiederentdeckte Langspielfilme zu sehen, unter anderen "Pan Tadeusz" und "Janko Muzykant", beide in der Regie von Ryszard Ordynski, eines Schülers von Max Reinhardt. Als "Testimonial" für diese filmischen Frühwerke konnte der weltbekannte polnische Regisseur Krzysztof Zanussi gewonnen werden, der nach Pordenone kommt. In diesem Raum liegen auch die Wurzeln seiner Familie, die einst am Bahnbau in Friaul beteiligt war.

Shakespeare und der Graf von Monte Christo

Weitere Programmschienen würdigen das Dänische Filminstitut anlässlich seines 75-jährigen Bestehens sowie den 400. Todestag William Shakespeares. "Der Kaufmann von Venedig", König Lear" sowie "Romeo und Julia" sind in Stummfilmen der Jahre 1910 bis 1912 von Gerolamo Lo Savio und Ugo Falena festgehalten.

Mitte der Woche gibt es einen kinematographischen Marathon mit der Aufführung von "Monte Cristo" (1929) von Henri Fescourt, der Verfilmung des Dumas-Klassikers "Der Graf von Monte Christo", in der Originallänge von knapp vier Stunden.