Nikolaus Geyrhalter. - © K. Sartena
Nikolaus Geyrhalter. - © K. Sartena

Es geht um verlassene Orte, solche, die die Menschen einst bewohnt, die sie aus mannigfachen Gründen aber aufgegeben haben. Orte wie beispielsweise Fukushima, wo der verheerende Atom-Unfall für eine lange Unbewohnbarkeit des Gebietes gesorgt hat. Zurückgeblieben sind fluchtartig verlassene Einkaufscenter, Kinos mit Plakaten der Filme von 2011, die seither im Schaukasten hängen, und die Natur, die sich diese einst menschlichen Lebensräume wieder zurückerobert.

Nikolaus Geyrhalter hat für seine Studie "Homo Sapiens" viele solcher Orte rund um den Globus zusammengetragen, die allesamt die Frage aufwerfen: Was wird vom Menschen bleiben? Was überlebt unsere Endlichkeit? Und wie sieht es aus, wenn der Boden wieder überwuchert wird und der Asphalt immer rissiger? "Homo Sapiens", der am Sonntag im Rahmen der Viennale Premiere feiert und ab kommendem Freitag regulär im Kino läuft, zeigt all das in statischen, sehr langen Einstellungen und ist weniger Dokumentarfilm als vielmehr großes Kopfkino: Die Zuschauer füllen die Leere von Geyrhalters verwaisten Szenerien mit ihren eigenen Geschichten.

"Wiener Zeitung": Herr Geyrhalter, Sie zeigen in Ihren Filmen immer wieder kommentarlos die Ist-Zustände menschlicher Lebenswelten - man erinnere sich etwa an Ihre beeindruckende Betrachtung der europäischen Peripherien in "Abendland". Jetzt aber haben Sie ganz auf die Menschen verzichtet.

Nikolaus Geyrhalter: "Homo Sapiens" sollte ein Film über die Endlichkeit und die Fragilität des menschlichen Seins werden. Diese Spuren und Hinterlassenschaften sollten in meinen Bildern möglichst viel erfahren lassen über die Menschen, die einmal da waren. Ich wollte den Menschen in diesen Bildern noch spüren und frage mich, was tun wir hier, was machen wir mit unserem Leben?

Ein Teil des Films zeigt die verlassenen Straßen von Fukushima. Wie gelangt man für ein solches Projekt in die Sperrzone?

Man kann dort schon drehen, wenn man einen Presseausweis und bekundetes Interesse hat. Wir hatten einen ortskundigen Kontakt, der uns ermöglichte, an die entsprechenden Drehorte zu gelangen. Das Thema Radioaktivität ist immer heikel. Wir haben es aber genauso gehandhabt, wie wir es schon 1999 für meine Doku "Pripyat" über die verlassene Nachbarstadt von Tschernobyl gemacht hatten: Nämlich sich vor- und nachher in Seibersdorf untersuchen zu lassen. Daher wussten wir genau, wie viel Radioaktivität der Körper aufgenommen hat. Das ist wichtig für das ganze Team. Natürlich muss man aufpassen, dass nichts in den Körper hineinkommt, dass man keinen Staub aufwirbelt oder einatmet. Leben kann man dort nicht, da würde man zu viel von der Strahlung abbekommen, aber für die paar Drehtage war das schon in Ordnung.

Jedenfalls sind die Bilder aus Fukushima die stärksten des Films, weil sie ein gewisses Kopfkino entfachen.

Das war einer der Gründe, warum die Szenen aus Fukushima am Anfang des Films stehen, weil das ja auch noch nicht so lange her ist. Weil das ein Leben zeigt, das erst vor kurzem verschwunden ist. Radioaktivität ist ein Thema, das mir sehr wichtig ist. Ich glaube, man kann gar nicht genug darauf hinweisen, dass es überall auf der Welt diese immense Gefahr gibt. Es ist schon auch als Statement gedacht, dass ich den Film damit beginne.

Durch das sehr lange Stehenlassen Ihrer Bilder zwingen Sie den Zuschauer geradezu, sich hineinzudenken.

Natürlich, es ist alles Kopfkino. Man könnte es sich einfach machen und abbilden, wie eine verlassene Gegend aussieht. Man kann aber jedes Bild auch sorgfältig auswählen, damit Assoziationen möglich werden. Es gibt viele Pfade, die man einschlagen kann, wenn man diesen Film sieht. Dadurch sieht natürlich jeder Zuschauer seinen eigenen Film. Er muss ihn sich selbst erarbeiten.

Sie haben erzählt, bei der Ausgestaltung Ihrer Bilder auch ein bisschen nachgeholfen zu haben. Darf das ein Dokumentarfilmer überhaupt?

Wir haben teilweise schon stark eingegriffen. Und ich würde "Homo Sapiens" nicht unbedingt als Dokumentarfilm bezeichnen. Ich habe nie den Anspruch erhoben, hier eine dokumentarische Wirklichkeit zu erzählen. Für mich ist es eine Vision, die näher an einer Fiktion liegt. Außerdem: Wer glaubt, dass man nur die Kamera aufstellt und das läuft schon alles, ist einfach naiv. Gewisse Dinge kann man natürlich auch beschleunigen. Wir haben gelegentlich Wind gemacht, weil es im Film eine große Kraft hat, wenn sich ein Blatt bewegt oder der Wind aufkommt. Wir haben auch Fußspuren aus den Bildern herausgenommen und andere Details verändert, ganz einfach darum, weil der Film ja als Geschichte ohne Menschen funktionieren sollte. Wir haben aber nie einen Ort derart verändert, dass man sagen könnte, diesen Ort gibt es gar nicht.

Erfordert es Mut, mit einer solch entschleunigten Darstellungsweise zu arbeiten? Solche Sehgewohnheiten hat das Publikum heute nicht mehr.

Meine Filme sind ja alle ruhig, würde ich sagen. Aber es gibt ein Publikum dafür. Erstens ist es mein Rhythmus und zweitens ist es schon ein ganz besonderes kinematografisches Erlebnis. Darin liegt Spannung und Konzentration. Das ist für mich das Grundgefühl von Kino, das ich nicht verlieren möchte.