Wim Wenders bei der Premiere in Venedig. - © Katharina Sartena
Wim Wenders bei der Premiere in Venedig. - © Katharina Sartena

Die Wege von Wim Wenders und Peter Handke kreuzen sich seit vielen Jahrzehnten beständig. Mit dem Film "Die schönen Tage von Aranjuez" kommt nun die fünfte Kollaboration zwischen dem Regisseur und dem Schriftsteller in die Kinos: Eine spröde, aber launige Ode an die Liebe in einem sommerlichen Garten zwischen Mann und Frau, die über die Liebe und das Leben sinnieren, erdacht von einem stets in der Ferne beobachtenden Schriftsteller und untermalt von der Musik aus einer Jukebox, das Ganze gefilmt in unaufgeregten 3D-Bildern. Handkes Textvorlage ist ebenso anspruchsvoll wie sehnsüchtig, Wenders’ Umsetzung dagegen sucht mal nach metaphernhafter Entsprechung oder geht dazu in Opposition; Wenders hat am Rande dieser Ode auch ein paar Überraschungen parat. Im Gespräch beschwört er seine Liebe zum 3D-Film, den er bereits in der Versenkung wähnt.

"Wiener Zeitung": Herr Wenders, Sie haben bereits fünf Filme mit Peter Handke gemacht. Worin liegt der Reiz dieser Zusammenarbeit?

Wim Wenders: Die Zusammenarbeit war schon immer einerseits sporadisch, andererseits auch entscheidend, vor allem zu Beginn. Peter habe ich meinen allerersten Auftrag zu verdanken, einen Film, für den er mich vorgeschlagen hatte, der hieß "Drei amerikanische LPs", eine Art Musikvideo, lange bevor das Genre überhaupt erfunden war. Nach Abschluss meines Studiums war ich der Erste einer Klasse von 20 Abgängern einer Filmhochschule, der einen Film gemacht hat. Das war Handkes "Die Angst des Tormanns beim Elfmeter", den er mir sozusagen als Geschenk überließ, um daraus einen Film zu machen. Ich war damals erst 25, Peter Handke hat mich sozusagen auf die Schiene gesetzt.

Reda Kateb und Sophie Semin erzählen sich im Garten viel Schönes über die Liebe. - © Polyfilm Verleih
Reda Kateb und Sophie Semin erzählen sich im Garten viel Schönes über die Liebe. - © Polyfilm Verleih

"Die schönen Tage von Aranjuez" ist in großen Teilen auf Französisch gedreht. Wieso?

Ich fand den Text wunderbar und wollte ihn gleich als Film umsetzen, doch Peter sah ihn zuerst noch als Theaterstück, das Luc Bondy ja noch umgesetzt hat. Ich habe mir das allerdings nicht angesehen, denn ich wollte nicht voreingenommen sein, weil ich schon wusste, dass wir daraus einen Film machen würden. Ich wollte auf Französisch drehen, weil Peter den Text auf Französisch geschrieben hatte. Ich fand das sehr schön, und die deutsche Übersetzung zeigte mir schließlich, dass der französische Text leichter und eleganter war - und dass es nicht an der Übersetzung lag, die Peter selbst gemacht hatte, sondern an der Sprache. Das Deutsche klingt männlicher und zerebraler, was an der Grammatik liegt, während mir das Französische flüssiger vorkam, und weiblicher und intuitiver. Die deutsche Fassung wird natürlich im Kino zu sehen sein, wiewohl mein Herz sehr an der französischen hängt.

Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit mit Handke denn konkret?

Peter ist ein großer Briefeschreiber. Das Manuskript bekam ich in Begleitung eines Briefes. Peter telefoniert ungerne und im Internet hat er auch nichts verloren. Wir haben uns also persönlich getroffen und uns ausgetauscht. Dann hat er sich aus dem Drehbuch ganz rausgelassen, er hat den Film im Rohschnitt gesehen, sich aber auch da komplett herausgehalten. Er weiß, dass es in diesem Stadium nicht mehr nur seine Arbeit ist. So richtig an einem Tisch gesessen und gemeinsam etwas geschrieben, das haben wir nie. Das habe ich aber auch mit anderen Autoren nicht gemacht. Das ist für Autoren generell schwierig, glaube ich.

Die Premiere des Films wurde beim letzten Filmfestival von Venedig umjubelt. Ein guter Boden für Sie, denn dort haben Sie 1982 für "Der Stand der Dinge" einen Goldenen Löwen gewonnen.

Ich hatte damals gerade das einzige Theaterstück, das ich jemals gemacht habe, Handkes "Über die Dörfer", in Salzburg inszeniert, und danach bin ich mit einem Rucksack über die Alpen in zweieinhalb Wochen nach Venedig gegangen, zu Fuß, über die Saualpe und über Slowenien, Triest bis nach Venedig. Ich kam ziemlich staubig als Wanderer mit Rucksack in Venedig beim Hotel Excelsior an, wo man mich nicht reinlassen wollte, denn solche Leute brauchte man nicht beim Filmfestival. Es dauert lange, bis jemand kam, dem ich meine Zimmer-Reservierung zeigen konnte. In dem Rucksack war auch ein dunkler Anzug, den ich über die Alpen geschleppt hatte. Eine Woche später bin ich wieder mit meinem Rucksack aus dem Hotel raus und habe dem Türsteher, der mich nicht reingelassen hatte, ganz freundlich meinen Goldenen Löwen gezeigt. Wir haben herzlich gelacht.

Wieso entstand dieser Film in 3D? Hier drängt sich die dritte Dimension nicht unbedingt auf, oder?

Ich habe jetzt vier Filme in 3D gemacht, und dieser ist der gelungenste, finde ich. Es ist der schönste und natürlichste, den ich je gesehen habe. Es macht vergessen, dass man 3D sieht, weil es so natürlich ist. Ich glaube, mein Film beweist endgültig meine These, dass 3D auch ein zärtliches Medium sein kann. Obwohl sich ja immer mehr abzeichnet, dass 3D den Bach runtergeht, weil die Kinos es nicht mehr so richtig wollen und auch keine modernen Umrüstungen mehr passieren. Das liegt daran, dass der Content in 3D leider viel zu schwachsinnig ist, sodass viele Leute das 3D-Filmschauen aufgegeben haben. Es ist zu einem Kids-Medium geworden und bringt auch nur mehr kindlichen Content hervor. 3D wurde durch die Industrie, die es falsch benutzt hat, zu einem Medium, das nun wieder verschwinden könnte - das ist eine der großen Katastrophen der Filmgeschichte.