"Ich glaube, dass wir durch unsere astrologischen Zeichen bestimmt sind": Olivier Assayas beim Interview. - © Katharina Sartena
"Ich glaube, dass wir durch unsere astrologischen Zeichen bestimmt sind": Olivier Assayas beim Interview. - © Katharina Sartena

Olivier Assayas ist immer schon ein Fantast gewesen, viele der Filme des französischen Regisseurs zelebrieren auf die eine oder andere Weise die Übersinnlichkeit, und das bei vollem Realitätsbewusstsein. So auch sein neues Werk "Personal Shopper" (ab Freitag im Kino), das zunächst von einer ziemlich physischen Tätigkeit erzählt, nämlich wie die junge Maureen (Kristen Stewart) sich ihren Lebensunterhalt damit verdient, die persönlichen Einkäufe für die Modedesignerin Kyra (Nora von Waldstätten) zu tätigen - obwohl sie sowohl Kyras Überheblichkeit als auch den Job hasst. Zugleich aber empfindet sie sich als Medium, das mit Toten kommunizieren kann, und hofft auf eine Nachricht ihres an einem Herzfehler verstorbenen Zwillingsbruders Lewis. Als sie entsprechende SMS-Nachrichten erhält, steigert sie sich immer mehr in die Vorstellung hinein, außergewöhnlich zu sein. Wie Assayas Realität und Geisterebene miteinander kombiniert, macht den Reiz des Films aus - und ist für Assayas ein sehr natürlicher Vorgang, wie er im Gespräch erzählt.

"Wiener Zeitung": In "Personal Shopper" vereinen Sie eine realistische Geschichte mit übersinnlichen Aspekten. Was bringt Sie zu der Ansicht, dass das gemeinsam gut in einen Film passt?

Olivier Assayas: Der Film reflektiert ziemlich genau meine Weltsicht. Einerseits gibt es die materielle Welt, zu der wir alle ein ambivalentes Verhältnis haben, das betrifft auch unsere Jobs. Manchmal ist gerade unsere Arbeit beim Film eine wahnsinnig spannende, um die uns viele andere Menschen beneiden, weil sie in langweiligen Jobs feststecken, die ihnen keine Befriedigung geben. Und um diese Tristesse abzufedern, flüchten sich viele Menschen in ihre Vorstellungskraft, in ihre Träume, oder in eine unterbewusste Ebene. Das sind eben zwei verschiedene Welten, aber sie existieren nebeneinander. Seltsamerweise gibt es eine sich hartnäckig haltende Unterscheidung zwischen sogenannten realistischen Filmen und Fantasyfilmen. Ich glaube, die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen. Ich bin überzeugt, die Welt unserer Fantasie aber auch unserer Ängste ist nicht weniger real oder realistisch als die sogenannte reale Welt, in der wir einem Job nachgehen, der unsere Miete bezahlt.

Wo ziehen Sie für sich die Linie zwischen der realistischen Welt und der Fantasie, der spirituellen Seite? Anders gefragt: Sehen Sie manchmal selbst Geister?

Ich glaube, wir Menschen sind halb dies und halb das. Der Prozentsatz kann variieren. Ich bin vom Sternzeichen Wassermann, also sollte ich mehr auf der spirituellen Seite sein (lacht). Mich interessiert die spirituelle Welt tatsächlich mehr als die materielle, aber man muss auch geerdet sein, wenn man Filme machen will. Es braucht einfach beide Seiten.

Glauben Sie an Sternzeichen?

Oh ja, natürlich! Aber ich kann darüber gar nicht reden, denn ich glaube einfach, dass wir durch unsere astrologischen Zeichen bestimmt sind. Ich glaube auch an die chinesische Astrologie, die sehr viel über Individuen aussagt. Ich bin mir aber nicht sicher, in welcher Weise die Sterne unsere Psyche beeinflussen.

Spirituelle Aspekte ziehen sich wie eine rote Linie durch die Karriere. Würden Sie dem zustimmen?

Ja, das ist die Art, wie meine Vorstellungskraft funktioniert. Ich muss Reales und Phantastisches mischen, weil genau daraus unser Leben besteht. Ich verstehe Filme nicht, die diesen Umstand ignorieren. Das Auslassen der Fantasie ist ein trauriges Kaputtmachen des Filmemachens. Wenn man sich nicht eingesteht, dass es ein Unterbewusstsein gibt, dann gibt es auch keinen Subtext. Man erzählt eine Geschichte an der Oberfläche, aber darunter spielt sich noch eine weitere Geschichte ab. Große Filmemacher wie Fritz Lang oder Alfred Hitchcock haben ihr Werk genau mit solchen Dingen gefüllt. Es ging bei ihnen immer um die Kommunikation dieser beiden Welten, weil sie verstanden hatten, worum es im Leben geht. Es wäre naiv, zu glauben, man dreht einen Film und zeigt nur die sichtbare Oberfläche her und könne das Narrative wirklich kontrollieren. Man darf nicht unterschätzen, was in den Zuschauern vor sich geht, wenn sie mit den Bildern eines Films konfrontiert werden. Jedenfalls ist das nichts Eindimensionales.

Das Publikum macht also den Film?

Die Geschichte, die man erzählt, findet ein Echo in der Rezeption des Publikums. Jeder Zuschauer sieht den selben Film, und auch wieder nicht. Denn es kommt immer darauf an, welche Vorgeschichte er oder sie mitbringt, wie die Prägungen sind, sozialer Hintergrund, und so weiter. Oder ganz einfach, mit welchem Fuß man heute früh aufgestanden ist. Ein Film verändert sich zu etwas anderem mit jedem neuen Zuschauer. Als Regisseur gibt man dem Film ein Rückgrat, der ihn universell anschaubar macht, aber was wirklich den Wert eines Films ausmacht, ist, welches Echo er auf den Zuschauer wirft. Es gibt keine Kunst ohne Dialog.

Wie kontrolliert man das als Regisseur?

Ich kontrolliere es nicht. Ich stelle dieses Rückgrat her, aber dann baue ich Szene für Szene so auf, dass man darin beides sehen kann, das Sichtbare, also das Reale, und das Phantastische, das immaterielle. Der Prozess dieser Konstruktion hört eigentlich nie auf. Ich muss ihn an manchen Stellen künstlich anhalten, zum Beispiel, wenn es darum geht, ein Drehbuch einzureichen, das als Basis für die Finanzierung des Films gilt. Aber in meinem Kopf geht der Prozess weiter und wächst. Bei mir findet der Film an jedem Drehtag neu zu seiner Form. Das ist auch der Grund, warum ich meine Kameraeinstellungen nicht schon monatelang vor dem Dreh entwerfe, ich mache das täglich neu, denn es muss ja zu dem passen, was sich am Vortag ergeben hat, und so fort.