Wien. Eigentlich machen die belgischen Brüder Jean-Pierre und Luc Dardenne alles zu zweit. Ihre Filme, ihre Drehbücher, ihre Interviews. Folgerichtig haben sie auch schon zwei goldene Cannes-Palmen zuhause stehen. Diesmal ist alles anders, denn Jean-Pierre erscheint allein zum Interview in Paris. Er spricht über "Das unbekannte Mädchen", den neuen Film des Duos, der am Freitag in den Kinos anläuft und eine Mischung aus Krimi und Gewissensdrama ist: Nachdem die junge Ärztin Jenny (Adèle Haenel) eines Abends die Tür nicht öffnet, als jemand läutet, macht sie sich keine Gedanken: Die Sprechstunde war längst vorüber und so vehement war das Läuten nun auch wieder nicht. Als am nächsten Tag eine Frauenleiche gefunden wird, wird schnell klar, dass sie diejenige sein muss, die am Vorabend geläutet hatte. Jenny, angetrieben von einem unfassbar schlechten Gewissen, beginnt einige Nachforschungen über die tote Frau anzustellen.

"Wiener Zeitung": Ihre Filme erzählen vorderhand kleine, simple Geschichten, sind bei genauerem Hinsehen aber auch sehr universell. Wie sehen Sie das?

Jean-Pierre Dardenne: Wir machen Filme über den Zustand der Welt. Die Welt ist zunehmend voller Gewalt. Was muss man also tun, wie soll man reagieren? Für uns haben wir die Frage dadurch gelöst, dass wir in "Das unbekannte Mädchen" ganz nah an unserer Figur dran bleiben und auch auf ihrem Niveau verharren, ihre Welt zeigen und sie nicht zu einem Sprachrohr werden lassen. Das ist ein Fehler, den viele Regisseure machen: Wenn es kompliziert wird, werden ihre Figuren zu Sprachrohren, zu moralischen Instanzen. Wir wollen unsere Figuren nicht auf diese Weise ausbeuten.

Ist das Kino ein Spiegel der Gesellschaft?

Es ist nicht nur ein Spiegel. Ich glaube, Fiktion erlaubt es uns, das Leben zu erforschen und in den Kopf unserer Figuren zu blicken. Realität erscheint mir oft realer in Filmen als in der Realität.

Liegt das daran, dass man im Film die Figuren und die Geschichten zuspitzen muss?

Mit Sicherheit, aber man darf es nicht übertreiben mit der Zuspitzung. Man muss mit Augenmaß vorgehen. Wir wollten dieser jungen Ärztin auf intime Weise folgen, da ging es gar nicht um Zuspitzung. Was tut sie mit ihrer Verantwortung gegenüber dem toten Mädchen? Auch das erzählt eine Menge über unsere heutige Welt.