Hollywood. Es gab an diesem Abend viele Superlative bei der 89. Verleihung der Academy Awards, zum Beispiel den Oscar für Damien Chazelle, dem Regisseur von "La La Land" - er ist mit 32 der jüngste Regisseur, der diese Trophäe jemals gewann. Oder die Geschichte des Tontechnikers Kevin O’Connell, der nach 20 (!) Nominierungen nun erstmals gewann - für Mel Gibsons Kriegsdrama "Hacksaw Ridge".

Aber der Schlusspunkt dieser wie immer überlangen und durchwegs zähen Preisverleihung setzte all dem die Krone auf: Die Verwechslung des Kuverts mit dem Siegerfilm hatte zur Folge, dass die Produzenten von "La La Land", überglücklich über ihre vermeintlich siebente Auszeichnung an diesem Abend, artig und freudig ihre Dankesreden hielten, ehe der Fauxpas aufflog. "Der Gewinner ist ‚Moonlight‘, das ist kein Witz", sagte schließlich Jordan Horowitz, einer dieser gerade noch Überglücklichen, und auf der Oscarbühne entstand Chaos. Eilig kam die "Moonlight"-Crew hinzu und stammelte ungläubige Dankesworte. Moderator Jimmy Kimmel reagierte betont gelassen und meinte nur, es wäre klar gewesen, dass er die Gala gegen die Wand fahren würde. "Ich komme nie mehr wieder", sagte er.

Trump-Kritik in kleinen Dosen

Doch die Kritiker der 89. Oscarnacht wünschen sich genau das: Dass Kimmel wiederkommt im nächsten Jahr, am liebsten: in jedem Jahr. Seine unaufdringliche, aber stets pointierte Leitung der Sendung brachte ihm viele Lorbeeren ein, und es waren seine zischenden Bemerkungen, die aus der Oscargala dann doch noch eine kleine, feine Trump-kritische Veranstaltung machten, auf die alle gehofft hatten. Die erwarteten Frontalangriffe der Stars und Preisträger blieben jedoch weitgehend aus - niemand wagte sich ans Mikro, um den US-Präsidenten persönlich anzugreifen, wie das 2003 etwa Michael Moore getan hat und mit "Shame on you, Mister Bush!" dessen Irakkrieg anprangerte.

Die Hollywood-Elite ging also auffällig auf Distanz zur Trump-Kritik, wohl auch, weil sie sich wenig provoziert fühlte an diesem Abend: Trump selbst hatte die Oscars nicht einmal in einem Tweet erwähnt, so wenig Beachtung schenkte er ihnen.

Nur einer setzte ein wirkliches Zeichen gegen Trump: Der Iraner Asghar Farhadi, zum zweiten Mal mit dem Oscar für den besten fremdsprachigen Film (für sein Drama "The Salesman") geehrt, blieb der Veranstaltung aus Protest fern. "Meine Abwesenheit geschieht aus Respekt vor den Einwohnern meines Landes und den sechs anderen Nationen, denen durch den unmenschlichen Einreisestopp in die USA Verachtung entgegengebracht wird", ließ er eine Vertreterin vorlesen. "Wer die Welt in Kategorien von ‚Wir‘ und ‚unsere Feinde‘ einteilt, schafft Angst." Filmemacher könnten Stereotype über verschiedene Nationalitäten und Religionen aufbrechen. "Sie erzeugen Empathie zwischen uns und anderen. Eine Empathie, die wir heute mehr brauchen denn je." Farhadis Oscar trifft einen hervorragenden Film, ist mit Sicherheit aber auch als politisches Statement der Academy zu lesen. Jedenfalls hat "The Salesman" so einen Sieg des deutsch-österreichischen Beitrags "Toni Erdmann" verhindert. Immerhin: Regisseurin Maren Ade hat den Stoff bereits für ein Remake in den USA verkauft, Peter Simonischeks Rolle soll Jack Nicholson spielen. Spätestens dann wird es wohl einen Oscar geben.

Oscar ist nicht farbenblind

Dass am Ende der mit 14 Nominierungen favorisierte "La La Land" nur sechs Trophäen einheimsen konnte, passte ins Bild dieser von Überraschungen geprägten Gala. Emma Stone stach als beste Schauspielerin unter anderem Isabelle Huppert aus, die in "Elle" als geheime Favoritin galt. Sonst konnte "La La Land" neben dem Regie-Oscar auch noch in den Kategorien "Beste Kamera", "Bestes Produktionsdesign" sowie auf der musikalischen Seite punkten: Sowohl "Bester Score" als auch "Bester Song" ("City of Stars") gingen an den Komponisten Justin Hurwitz.

Dass "Moonlight" schließlich als "Bester Film" ausgezeichnet wurde, passte unabhängig von der entstandenen Panne auch ganz hervorragend in das neue Bild, dass die Academy sich nach einigen Jahren als farbenblinde Lobby nun verabreicht hat: "Moonlight", mit gerade einmal 1,5 Millionen Dollar Budget gedreht und mit durchwegs unbekannten Darstellern besetzt, dreht sich um einen schwulen, afroamerikanischen Heranwachsenden und wurde vom schwarzen Regisseur Barry Jenkins inszeniert, der zuvor schon den Oscar für das beste adaptierte Drehbuch erhielt. Das erhöhte die Dichte von Awards für Schwarze an diesem Abend noch einmal, nachdem bereits die beiden Nebenrollen-Oscars an Viola Davis (für "Fences") und Mahershala Ali (ebenfalls für "Moonlight") vergeben wurden. Das Coming-of-Age-Drama "Moonlight" läuft am 10. März in Österreich an.