Schwierige Frage, denn: Dieser Film hat heute eine unglaubliche Aktualität. Rechtes Gedankengut und Populismus sind wieder dort angekommen, wo es für eine Gesellschaft gefährlich wird, nämlich in ihrer Mitte. Das Vermächtnis der Hilde Pomsel ist eine Warnung an künftige Generationen, wie leicht man, wenn man nicht entsprechend reflektiert, plötzlich in eine Situation katapultiert wird, aus der man sich nur noch schwer befreien kann. Man kann das als Warnung an Politiker und Wähler der Gegenwart betrachten.

Der Film will auch zeigen: Wir selbst können nicht mit Sicherheit sagen, wie wir 1933 an ihrer Stelle reagiert hätten.

Das ist die ganz entscheidende Frage, mit der wir das Publikum konfrontieren wollten, nämlich: Wie viel Pomsel steckt in jedem von uns? Und: Wären wir ohne Schuld durch diese Epoche gegangen? Vielen wäre das vermutlich nicht gelungen. Brunhilde Pomsel sah sich nicht als moralische Persönlichkeit, sie war aber keine klassische Kriegsverbrecherin im Sinne des Wortes, sondern eben "nur" die Mitläuferin. Sie war politisch uninteressiert. Das ist die Schuld, die man ihr zuweisen muss. So politisch uninteressiert sie in jungen Jahren war, so kritisch und scharfsinnig war sie später im Alter. Erst im vergangenen Herbst meinte sie, Trumps Aufstieg erinnere sie an vergangene Zeiten.

Sie haben die Interviews mit Pomsel in kontrastreichen Schwarzweiß-Bildern gedreht. Wieso?

Schwarzweiß verleiht der Geschichte eine zeitlose Stilistik. Es steht metaphorisch als die Farbe dieser Zeit, obwohl es bereits den Farbfilm gab, aber mehrheitlich dennoch schwarzweiße Bilder gemacht wurden. Für den Zuseher wird es dadurch leichter, die Erinnerungen von Hilde Pomsel zu rezipieren. Pomsels Gesicht ist faszinierend, in ihm spiegelt sich ein ganzes Jahrhundert, es ist ein Gesicht, in dem man viel entdecken kann. Interessant sind die Momente, wenn sie schweigt, wenn man in ihrem Gesicht ablesen kann, dass sie möglicherweise nicht die ganze Wahrheit sagt.

Goebbels selbst kommt in Ihrem Film nur selten vor. Wieso?

Goebbels war ein diabolischer Narziss, mit einer persönlichen Verherrlichung Hitlers, das war der Grund, weshalb wir Goebbels nicht herzeigen. Wir sehen ihn nur einmal im Film, in einer anderen Rolle, nämlich als Gentleman und Salonlöwe in Venedig. Alle Materialien, die von Goebbels existieren, sind perfekt inszenierte Propagandafilme, die auch heute noch funktionieren, und wir wollten Goebbels keinesfalls einen posthumen Propagandaauftritt erlauben.

Wann standen Sie vor Brunhilde Pomsels Tod letztmals mit ihr in Kontakt?

Sie wollte bei unserem letzten Telefonat anlässlich ihres 106. Geburtstages, dass dieser Film als ihr Vermächtnis und als Warnung an die heute lebenden Menschen verstanden wird, damit sich die Geschichte nicht wiederholt. Die Schuld, die man ihr geben muss, ist: Sie hätte in ihrer Position sehen können, wenn sie hätte sehen wollen. Sie hat das alles mit Pflichtbewusstsein entschuldigt, wo es nichts zu entschuldigen gab.