"El bar" von Alex de la Iglesia ist einer der Eröffnungsfilme von "Crossing Europe". - © Crossing Europe
"El bar" von Alex de la Iglesia ist einer der Eröffnungsfilme von "Crossing Europe". - © Crossing Europe

Linz. Schon zum 14. Mal richtet Christine Dollhofer in ihrer Eigenschaft als Leiterin von "Crossing Europe" das Linzer Filmfestival aus und hat es seit der Gründung zu einer Institution gemacht: Außerhalb Wiens und nach der Diagonale in Graz ist "Crossing Europe" heute das wichtigste Filmfestival im Land, das längst internationale Strahlkraft erlangt hat. Mitverantwortlich dafür ist das immer wieder fordernde, aber stets lohnende Programm, das Dollhofer zusammenstellt. "Wir bieten handverlesene aktuelle gesellschaftspolitische Filme und wollen unseren zahlreich anwesenden Filmgästen Lust auf unkonventionelles Kino aus Europa machen", sagt Dollhofer. Ab heute, Dienstag, stehen bis 30. April insgesamt 160 europäische Spiel- und Dokumentarfilme auf dem Programm der Linzer Festivalkinos Moviemento und City, die alljährlich allein während des Festivals rund 22000 Besucher anlocken. Und da sage noch jemand, der europäische Film habe kein Publikum.

Die Filme erzählen von Gesellschaften im Umbruch


Freilich, verwurzelt ist diese Festival-Klientel in einer kleinen, mit viel Hingabe geführten Programmkinoszene, die sich in Linz etablieren konnte. Multiplex-Publikum mischt sich nämlich kaum unters Festivalvolk. Dafür ist auch das Programm zu anspruchsvoll: Es soll vor allem "europäische Fragen" verhandeln, findet Dollhofer. "Die Filme der diesjährigen Auswahl erzählen von einer Gesellschaft im Umbruch. Von einer Gesellschaft, die einer Zeitenwende entgegenblickt und in der die Werte einer liberalen Demokratie, deren Konfliktzonen und Solidargemeinschaften neu ausgelotet werden, verteidigt werden müssen. Von autokratischen, antidemokratischen, nationalistischen Bewegungen. Vom Nachwirken traumatischer Erfahrungen und Systemkrisen bis hinein in die kleinste Zelle der Gesellschaft, die Familie", sagt Dollhofer.

Mit daraus resultierenden Ängsten befassen sich die Eröffnungsfilme der Schau: Der belgisch-französische Film "Chez nous" von Lucas Belvaux und "The Sun, the Sun Blinded Me" von Anka und Wilhelm Sasnal aus Polen drehen sich dramatisch um die Angst vor dem Fremden, "El Bar" von Alex de la Iglesia (Spanien) schildert einen Terroranschlag, der sich mitten in einer Bar zuträgt und die Angst davor hautnah spürbar macht.

Auch bei den Wettbewerben von "Crossing Europe" geht es um zeitgemäße Themen: Die zehn Filme des Dokumentar-Wettbewerbs befassen sich unter anderem mit Diktatur und Krieg, Flucht und Vertreibung. Hier treten Regisseure wie Robert Kirchhoff ("A Hole In The Head", Slowakei), Petra Lataster-Czisch ("Miss Kiet’s Children", Niederlande) oder Fernando León de Aranoa ("Politics, Instruction Manual", Spanien) an.

Bei den zwölf Spielfilmen im Wettbewerb handelt es sich überwiegend um Werke, die sich mit Jugendlichen auseinandersetzen. Drei der Filme erzählen "Coming of Age"-Geschichten, sechs weitere fasst Dollhofer unter dem Motto "Junge Erwachsene unter Druck" zusammen.

"Ausgewogenes Gender-Programming"


Zu den Arbeiten zählen "I blodet" des Dänen Rasmus Heisterberg, "The Levelling" von Hope Dickson Leach aus Großbritannien, "Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes" von Julian Radlmaier aus Deutschland oder auch "Compte tes blessures" von Morgan Simon aus Frankreich. Auch abseits des Wettbewerbs ist "Crossing Europe" stets ein wildwuchernder Entdeckungspfad durch europäische Befindlichkeiten: In der Sektion "Panorama" stehen etwa 21 aktuelle Spielfilme aus ganz Europa auf dem Programm, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Vielen jedoch ist eines gemein: "Starke, selbstbestimmte Frauen ziehen sich dieses Jahr wie ein roter Faden durch diese Programmsektion", weiß Christine Dollhofer, der insgesamt sehr wichtig ist, "ausgewogenes Gender-Programming" zu betreiben: 80 Filme, also die Hälfte des Hauptprogramms, wurden von Frauen (mit-)inszeniert.