Veränderung, Freiheit, Gleichheit. Ägypten, 25. Jänner 2011: Demonstranten wenden sich gegen das Regime. Tausende Menschen sterben. Der mittlerweile in Vergessenheit geratene Arabische Frühling nimmt seinen Lauf. Aufgeweckt durch die Anti-Mubarak-Revolution betritt ein Arzt die Bühne, wechselt sogleich den Beruf und wird zum Comedystar. Musste er als Herzchirurg in das Innerste von Menschen schauen, um diese zu behandeln, stellt er nun unerschrocken die Seele einer im Aufbruch befindlichen Gesellschaft bloß: "Herr Präsident, das Land ist am Arsch. Glauben Sie mir". So etwa seine Botschaft an das Regime unter Hosni Mubarak.

Damit beginnt auch die Dokumentation "Tickling Giants", die zusammen mit der Produzentin Sara Taksler entstanden ist. Für Konsumenten im arabischen Raum gilt jedoch: "Gegen unterdrückerische Regierungen aufzubegehren, verursacht Nebenwirkungen. Unter anderem Kopfschmerzen, Gefühlsschwankungen, Magenverstimmungen und den Verlust von verfassungsmäßigem Recht." Sie parodiert schmerzlich wie sich Medien unter wechselnden Regimen am Leben halten. In 111 Minuten beschreibt der Film die Ereignisse rund um Bassem Youssef, seinen Aufstieg und Fall. Immer wieder kreist er um die Frage, warum sich brutale Regime durch einfache Comedy so seltsam berührt fühlen.


Link-Tipps
Tickling Giants
wienerzeitung.at ist nicht verantwortlich für die Inhalte externer Internetseiten.

Vermeintlicher CIA-Agent

Hauptdarsteller sind unter anderem Bassem Youssef und Jon Stewart. Letzterer wurde berühmt mit seiner "The Daily Show", täglich verfolgen 2 Millionen Zuseher seine Sendung. Sein Äquivalent im arabischen Sprachraum heißt eben Bassem Youssef, nur hat er ganze 30 Millionen Fans. Zunächst wurde das Programm "El Barnameg" in ganz kleinem Format zu Hause produziert und auf YouTube hochgeladen. Ein halbes Jahr später geht der private Sender CBC mit der Politsatire offiziell auf Sendung. Als Vorlage dient Jon Stewarts "The Daily Show". Kometenhaft steigt Youssef in den nächsten zwei Jahren auf. Sogar Stewart fliegt zu ihm ins Studio nach Ägypten.

Der Ägypter scheint am Zenit seines Erfolgs angekommen zu sein. Denn er hatte drei Jahre Zeit und nützte die Gelegenheit, sich gleich über drei Regimes lustig zu machen: Mubarak, Mursi und Sisi samt Militär, Politiker, Prediger, die Muslimbruderschaft. Bis es unter Mohammed Mohammed Mursi Isa al-Ayyat, der auch der Muslimbrüderschaft angehörte, den Herrschenden zu viel wird. Gegen Youssef wird ein Haftbefehl ausgestellt - der Vorwurf lautet: Islam-Verleumdung, Präsidentenbeleidigung, Störung der öffentlichen Ordnung. Ein weiterer: Jon Stewart habe ihn für den US-Auslandsgeheimdienst (CIA) angeworben. Er wird verhaftet, verhört und gegen Zahlung einer Kaution freigelassen. Das Aus für seine Sendung folgt, die er mit folgenden Worten beendet: "Wir leben in den wundervollsten Jahren der Demokratie in Ägypten – und wer das nicht so sieht, dem soll die Zunge herausgeschnitten werden."