Locarno. Die Kulisse ist malerisch, die Abende sind lau, die Getränke teuer, die Filme zahlreich: Das Filmfestival Locarno im Tessin feiert heuer ein besonderes Jubiläum: Zum 70. Geburtstag des 1946 erstmals ausgerichteten Festivals sind viele große Namen und Gratulanten angesagt, die in den nächsten Tagen in Locarno erwartet werden. Man lockt sie mit Awards: Adrien Brody bekommt einen Preis, auch Nastassja Kinski, Fanny Ardant und Vanessa Paradis sind angesagt. Locarno, dieses kleinste der wichtigen A-Festivals der Welt, hat sich unter seinem Leiter Carlo Chatrian mächtig ins Zeug gelegt, damit man die Breitenwirksamkeit wahrt, die das sonst für seinen starken künstlerischen Anspruch bekannte Festival zum Überleben braucht; Locarno ist und war immer auch als glamouröses Event gedacht, geboren im Umfeld ähnlicher Veranstaltungen wie den Filmfestspielen von Venedig oder jenen in Cannes. Marlene Dietrich spazierte hier ebenso umher wie Ugo Tognazzi, der von der Polizei um ein Autogramm gebeten wurde, anstatt einen Strafzettel zu kassieren. Die Karrieren von Claude Chabrol (und damit von der Nouvelle Vague), von Michelangelo Antonioni oder Jim Jarmusch begannen hier, das Festival sah sich stets als Raum für Entdeckungen, das ist bis heute so. In den frühen Jahren feierte man im Garten des Grand Hotel die üppigen Filmpremieren, doch das noble Haus ist schon lange geschlossen und die Filmvorführungen noch viel länger schon - seit 1971 - auf die Piazza Grande übersiedelt, wo bis zu 8000 Zuschauer Platz finden.

Die programmatische Ausrichtung, für die Chatrian verantwortlich ist, kam für den Festivalchef heuer unter zwei verschiedenen Aspekten zustande. "Auf der einen Seite ist die die Beständigkeit eines Festivals zu sehen, das viele Jahre überstanden und vielen Modeströmungen getrotzt hat. Wir wollten die Tradition, aus der wir hervorgehen, spiegeln", so Chatrian. "Auf der anderen Seite ist ein Festival zu sehen, das nie ruht, das sich Jahr für Jahr neu erfindet, neue Initiativen lanciert und sein Programm stetig weiterentwickelt."

Festival für zwei Welten


Dieses Jahr werden neue und renovierte Kinosäle ans Publikum übergeben, es gibt Gespräche, Kleinkindversorgung und einen digitalen Filmwettbewerb. Das Filmfestival als bunter Jahrmarkt für alle also? Mitnichten, denn die Publikumsfilme für die Piazza Grande und der internationale Wettbewerb waren hier schon immer strikt getrennt und könnten vom Zugang her nicht unterschiedlicher sein. Während das Wohlfühlkino für die breite Masse hier eher auf der Piazza läuft, sind im Wettbewerb oft spröde Arbeiten großer Filmkünstler zu sehen. In diesem Jahr kommen neue Filme von Jim Mac Kay, Jan Speckenbach, Aaron Katz, John Carroll Lynch oder Denis Côté zur Uraufführung, aus Österreich ist kein Film im Wettbewerb vertreten. Auch die Schweiz selbst hat nur eine magere Ausbeute: Lediglich "Goliath" von Dominik Locher hat Chancen auf einen Goldenen Leoparden.

Ein Umstand, der in der Schweizer Presse heftig diskutiert wird: Dort wird die auch in Österreich hinlänglich bekannte Frage gestellt, was der einheimische Film denn eigentlich zu leisten imstande ist. Oder sein sollte. Hierzulande wie auch in der Schweiz wird der erschreckend geringe Marktanteil einheimischer Produktionen moniert. Und zugleich die Debatte an sich hinterfragt: "Wieso fordert eigentlich nie jemand von der, sagen wir, Schweizer Möbelindustrie, dass sie ihre Präsenz in in- und ausländischen Wohnzimmern steigern soll?", fragt der "Tagesanzeiger" süffisant in Richtung all jener, die mehr Marktanteil für den Schweizer Film fordern. Und kritisiert auch die Filmemacher selbst, die zwischen Paralyse und Selbstüberschätzung pendelten. "Wenn die Schweizer Filmer etwas weniger nach Hilfe rufen würden, müsste man bei Schweizer Filmen vielleicht auch etwas weniger um Hilfe rufen", heißt es da.

Für das Festival in Locarno ist diese Debatte nur zweitrangig. Hier geht es nämlich nicht um den Schweizer Film an sich, sondern um internationales Star-Kino vor Schweizer Kulisse. Damit die teuren Drinks auch ihr Geld wert sind.