• vom 17.08.2017, 15:51 Uhr

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Update: 17.08.2017, 20:38 Uhr

Dries van Noten

"Gärtnern ist meine Leidenschaft"




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Von Luitgard Koch

  • Dries van Noten über seine Visionen als Modedesigner und die Befriedigung, die selbst eingekochte Marmelade beschert.

Modedesigner Dries van Noten: "Mode und Kunst sind für mich eine kreative Liaison." - © Filmladen Verleih

Modedesigner Dries van Noten: "Mode und Kunst sind für mich eine kreative Liaison." © Filmladen Verleih

Seit einigen Jahren betreiben immer mehr Modehäuser cineastische Imagepflege. Doch Regisseur Reiner Holzemers Fashion-Dokumentarfilm "Dries" über Dries van Noten (ab sofort im Kino) ist mehr. Denn der Belgier aus Antwerpen unterscheidet sich eindeutig von den großen Labels, die um Aufmerksamkeit buhlen. Der 59-jährige Flame mit dem akkuraten Scheitel und erstaunlich jungenhaften Gesichtszügen, schaltet keine Werbung in Modezeitschriften und zählt zu den wenigen Luxusmodemarken, die keinem großen Konzern angehören. Gezielt widersetzt er sich dem Hype rund um Markenwerte. Der zurückhaltende Bildungsbürger ist der Gegenentwurf zur schrillen Welt, in der er arbeitet. Die "Wiener Zeitung" traf den Modepoet, der mit seinen Kollektionen Geschichten erzählen will, in seinem Atelier.

"Wiener Zeitung": Herr van Noten, Sie haben Ihre Karriere mit Herrenbekleidung gestartet.


Dries van Noten: Ehrlich gesagt, ich fand damals nur einen einzigen Hersteller, der mir helfen wollte, meine Kollektion zu produzieren, und das war zufällig ein Herrenfabrikant.

Ihre Schauen sind einzigartige Momente, eine Mischung aus Performance und Theater.

Für mich sind es Inszenierungen. Ich habe diese Präsentationen von Anfang an als Bühnenstücke verstanden, bei denen verschiedene Elemente aufeinandertreffen. Deshalb spielt der Ort eine so große Rolle, ebenso wie die Musik oder die Beleuchtung. All das kann eine träumerische oder auch aggressive Atmosphäre schaffen. Wenn nur eines dieser Elemente nicht stimmt, haben selbst die schönsten Kleidungsstücke der Welt keine Chance, wahrgenommen zu werden.

Welche Rolle spielt Musik bei Ihren Fashion Shows?

Sie ist sehr wichtig. Denn in unseren Fashion Shows müssen wir in zehn Minuten erklären, woran wir eine Saison lang gearbeitet haben. Es muss gelingen, zu überzeugen. Für mich ist das wie eine Theaterinszenierung. Wie setze ich das Licht, wie bewegen sich die Models und natürlich auch die Musik, um in einer sehr intensiven und konzentrierten Weise meine Vision der Kollektion zu zeigen.

Manche wollen Ihnen den Stempel "ethnischer Designer" aufdrücken. Stört Sie das?

Ziemlich. Ich finde es einfach interessant, dass sich viele Stickereien, ob sie nun aus China oder Indien stammen, technisch sehr ähnlich sind. Blockprint, Batik und bestimmte Webtechniken gehören einfach zur universellen Bekleidungssprache. Ich schätze klassisches Handwerk, nicht nur Folklore in asiatischen Dörfern, sondern auch Spitze aus Lyon und Savile-Row-Anzüge aus London.

Sie stammen aus einer Textilfamilie. War Ihr Vater sehr enttäuscht, dass Sie nicht in seine Fußstapfen getreten sind?

Es dauerte fast zehn Jahre, bis er das überwunden hatte. Ich musste mir damals mein Studium selbst finanzieren. Aber als junger Student brauchte ich nicht viel. Außerdem habe ich als freier Designer zusätzlich für einen belgischen Textilhersteller gearbeitet. Sieben kommerzielle Kollektionen am Tag. Nachts entwarf ich meine eigene. Ich habe den Job erst 1992 aufgehört, als ich bereits meine erste eigene Show in Paris hatte.

Sie sind das jüngste von vier Kindern, normalerweise soll der älteste den Familienbetrieb übernehmen.

Mein Bruder und auch meine Schwestern interessierten sich überhaupt nicht für Mode. Ich dagegen war schon an der Branche interessiert, wählte aber dann doch einen anderen Weg. Mein Bruder ist Arzt und eine meiner Schwestern Biologin.

Wer hat Sie mehr beeinflusst, Ihr Vater oder Ihr Großvater?

Als Kind hat mich mein Großvater eher eingeschüchtert. In den 1930er Jahren war er der erste Hersteller von Konfektionskleidung für Männer in Antwerpen und hatte damals bereits 150 Angestellte. Das fand ich beeindruckend. Außerdem hatte er sehr viel Stil. Er liebte Opern und Reisen. Das ehemalige Kaufhaus "Het Modepaleis", mein Flagship-Store in der Nationalstraat, gehörte früher dem schärfsten Konkurrenten meines Großvaters.

Sie waren auf einer Jesuiten-Schule. Wie hat Sie das geprägt?

Ich bin oft ziemlich streng mit mir und verzeihe mir Fehler nicht so leicht, sondern will mich ständig verbessern. Einfach mal zu sagen: "Das reicht jetzt schon, das ist gut genug", diese Einstellung ist mir fremd.

Gab es eine Kollektion für Sie, die Ihnen extrem leicht von der Hand ging?

Nein, wenn etwas zu glatt funktioniert, dann habe ich ein ungutes Gefühl, dass etwas schiefläuft. Es muss schon ein Kampf sein. Drei Monate vorher fertig zu sein, das langweilt mich.

Sie sind in Antwerpen geboren, aufgewachsen, dort in die Schule gegangen und arbeiten heute auch hier. Was ist es, das Sie hält?

Antwerpen ist gesund für mich, um Abstand zu gewinnen. Ich kann von der Distanz aus sehen, was vorgeht. Ich liebe große Städte wie New York oder Paris, aber ich möchte nicht dort leben. Sie fressen zu viel meiner Energie. Antwerpen dagegen ist sehr offen, international und hat das kosmopolitische Flair einer Metropole. Zugleich ist es überschaubar und bodenständig. Hier kann ich klarer denken. Außerdem kann ich schnell überall sein, ob mit dem Flugzeug in London oder mit dem Zug in zwei Stunden in Paris.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2017-08-17 15:57:08
Letzte nderung am 2017-08-17 20:38:48



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