• vom 29.08.2017, 16:05 Uhr

Film

Update: 29.08.2017, 18:19 Uhr

Filmfestspiele Venedig

Frischzellenkur für eine alte Dame




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Von Matthias Greuling

  • Am Mittwoch eröffnen in Venedig die 74. Filmfestspiele. Es gibt große Namen und hochkarätige Filme.

Schrumpfende Menschheit als Ausweg aus der Überbevölkerung? Mit "Downsizing" eröffnen die diesjährigen Filmfestspiele. - © Biennale Venezia

Schrumpfende Menschheit als Ausweg aus der Überbevölkerung? Mit "Downsizing" eröffnen die diesjährigen Filmfestspiele. © Biennale Venezia

Am Lido von Venedig ist fast alles neu. Der Asphalt vor dem Palazzo del Cinema, die Bars, die im Berlin-Stil (schwarze Wandtafeln mit weißer Kreideschrift) ihre Getränke feilbieten, die fein verlegten Fliesen vor dem Presseeingang des Palazzo del Casino, der Rasen, der gut wächst auf der zugeschütteten Asbest-Grube, die bis vor wenigen Jahren hier offen klaffte.

Zum 74. Geburtstag gönnte sich das Festival eine Frischzellenkur. Ein schönes, aufgeräumtes Erscheinungsbild, jenseits der sonst so typisch italienischen Schlampigkeit, die man am Lido eigentlich erwartet hätte. Gut, das Hotel des Bains ist immer noch geschlossen, kein Baufortschritt zum Vorjahr zu finden. Aber das Gros der Unternehmungen am Lido scheint wieder Fahrt aufzunehmen, und das ist eine gute Nachricht: Hier hat man sich viele Jahre lang eher in internen Querelen verloren, anstatt eine Strategie für die Zukunft des Festivals zu suchen.

Neue Stimmen

Doch mit dem Bekenntnis zur vorhandenen Bausubstanz, die noch unter Mussolini errichtet wurde, kam auch das Selbstbewusstsein wieder: Das Filmfestival von Venedig, das älteste seiner Art, will wieder etwas gelten in der Filmwelt, und das ist zu großen Teilen den Bemühungen von Alberto Barbera geschuldet, der seit 2011 die Festspiele leitet.

Er ist Italiener, zugleich weltoffen und nicht nur Traditionalist: Er lässt auch neue, unbequeme und vielleicht ungestüme Stimmen in seine Filmreihen. Es geht Barbera um nichts weniger als den Anspruch, das Kino als Weltspiegel zu sehen. Das zeigt auch die Wahl seines Eröffnungsfilms, der von Alexander Payne kommt, im Wettbewerb läuft und mit allerlei Hypothesen hantiert: "Downsizing" erzählt, dem Titel entsprechend, von einem möglichen Zukunftsproblem der Erde, nämlich von ihrer Überbevölkerung: Da sollen Leute am besten geschrumpft werden, damit sie nicht so viel Platz auf dem Planeten brauchen. Komödien-Unsinn wie "Liebling, ich habe die Kinder geschrumpft" bekommt plötzlich völlig neue Daseinsberechtigung.

Matt Damon und Kirsten Wiig machen jedenfalls als Paar bei der Menschenschrumpfung mit, und Mr. Payne verspricht im Vorfeld, lieber mehr das Charakterliche betont zu haben, als allzu sehr in die verlockende CGI-Falle mit vielen Computereffekten zu tappen. Man wird sehen, was dabei rauskommt. Sicher ist jedenfalls: Barbera muss sich in Hinblick auf seine prominenten Gäste nicht hinter dem ewigen Konkurrenzfestival von Toronto verstecken, das eine Woche nach dem Festivalstart anläuft und zu dem auch alle Journalisten und Filmstars abhauen, wenn in Venedig erst mal der September beginnt.

Die Filme, die heuer am Lido zu sehen sein werden, sind überwiegend hochkarätig. Dieses Kunststück hat Barbera vollbracht und neckt damit die Filmschauen von Berlin und Cannes, die es heuer deutlich schwierig hatten, Weltkino in Bestform zu programmieren.

Clooney und Aronofsky

"Ich bin zu 97 Prozent zufrieden mit unserer Auswahl", sagte Barbera im Vorfeld. "Es gab vielleicht zwei, drei Filme, die wir gerne gezeigt hätten, aber die konnten wir nicht bekommen, weil sie auf andere Festivals gehen. Alle Filme, die wir gesehen haben und die wir wollten, haben wir aber in unserem Programm", zeigt sich der Direktor sichtlich stolz. Venedig kann damit die hohen Erwartungen erfüllen: Schließlich zauberte man hier am Lido jüngst die späteren Oscar-Sieger "La La Land", "Gravity" oder "Birdman" aus dem Hut.

Zu den heurigen Hits zählen unter anderem George Clooneys neue Regiearbeit "Suburbicon" mit Matt Damon und Julianne Moore, eine schwarze Komödie nach einem Script der Coen-Brüder. Clooney und seine Frau Amal werden am roten Teppich erwartet, vielleicht auch ihre Zwillinge, das hätte Charme. Auch mit dabei sind Guillermo de Toros "The Shape of Water", ein historisches Märchen, ein weiterer Fantasy-Film dieses Regisseurs, den Barbera als seinen besten in zehn Jahren bezeichnet hat. Darren Aronofsky zeigt mit "Mother!" einen Horrorfilm, in dem ein Paar auf die Probe gestellt wird, weil es ungebetene Gäste bekommt. Jennifer Lawrence, Javier Bardem und Michelle Pfeiffer spielen die Hauptrollen. Bardem ist auch Star von "Loving Pablo", einem Drama über Pablo Escobar, das auch noch Penelope Cruz und Peter Sarsgaard zu bieten hat.

Weitere große Namen am Lido sind Judi Dench, Matthias Schoenaerts und Frances McDormand. Neue Filme von Frederick Wiseman (die Doku "Ex libris"), Ai Weiwei ("Human Flow"), Hirokazu Kore-eda ("The Third Murder") oder Samuel Maoz ("Foxtrot") stehen ebenfalls auf dem Spielplan. Ihre Teilnahmen zeigen, wie wichtig das Festival am Lido noch immer ist. Und man sieht auch, dass das bei den Einwohnern angekommen ist: Ein bisschen Investition in die Zukunft darf auch mal was kosten. Wenngleich so eine schwarze Schiefertafel und ein paar weiße Kreiden noch lange kein Luxus sind. Das weiß man ja aus Berlin.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2017-08-29 16:09:17
Letzte Änderung am 2017-08-29 18:19:57


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