• vom 02.09.2017, 17:39 Uhr

Film

Update: 29.08.2018, 10:13 Uhr

Nachlese 2017

George Clooney: "Dunkle Wolken über Amerika"




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Von Matthias Greuling aus Venedig

  • George Clooney hat in Venedig seine sechste Regiearbeit "Suburbicon" im Wettbewerb vorgestellt. Darin wird viel gemordet.

"Die Amerikaner haben sich niemals wirklich mit ihrer rassistischen Vergangenheit auseinander gesetzt. Das ist immer noch unaufgearbeitet", sagt George Clooney. - © Katharina Sartena

"Die Amerikaner haben sich niemals wirklich mit ihrer rassistischen Vergangenheit auseinander gesetzt. Das ist immer noch unaufgearbeitet", sagt George Clooney. © Katharina Sartena

Wie kein Zweiter beherrscht George Clooney diesen sonnig-charmanten Lacher, der seine Fans betört und der auch sein größtes Kapital ist. Als Stammgast beim Filmfestival von Venedig hat er ihn schon oft angewendet, und auch dieses Jahr entkamen dem Schauspieler einige Grinser, aber die Grundstimmung, die Clooney an den Tag legte, die war ernst. Sehr ernst sogar. "Über Amerika", sagte er, "liegen derzeit viele dunkle Wolken". Clooney spielt damit auf die seit Trumps Amtsübernahme ansteigenden Rassismus-Tendenzen an, die sich erst kürzlich in Übergriffen in Charlottesville entluden. Auch in Clooneys "Suburbicon" gibt es offenen Rassismus gegen Schwarze, der - wie so oft - von der Realität überholt wurde. "Um einen Film zu drehen, braucht man zwei Jahre", sagt Clooney. "Da ist das, was man damit sagen will, meist schon wieder weit entfernt". Diesmal aber hat Clooney offenbar einen wunden Punkt getroffen: "Die Amerikaner haben sich niemals wirklich mit ihrer rassistischen Vergangenheit auseinander gesetzt. Das ist immer noch unaufgearbeitet".

In "Suburbicon", der auf einem unverfilmten Drehbuch der Brüder Joel und Ethan Coen basiert, zeigt Clooney das Vorstadtidyll der 1950er Jahre, als sich jeder Amerikaner für 6000 Dollar ein Häuschen mit Grund, Garten und Pool bauen konnte, in dem es sich gut leben ließ. "Wenn man weiß war", schränkt Clooney ein. "Denn nicht alle durften in dem Pool baden". Der Zuzug der ersten schwarzen Familie nach Suburbicon bringt die Nachbarn auf, offener Rassismus und Gewaltaktionen brechen aus. Clooney benutzt dieses Sujet aber nur als Rahmenhandlung für seine eigentliche Geschichte: Im Nachbarhaus ist ein typischer Durchschnittsamerikaner (Matt Damon) gerade dabei, seine gelähmte Ehefrau (Julianne Moore) ermorden zu lassen und sie durch deren Zwillingsschwester (auch Moore) zu ersetzen. Mit dem Geld der Lebensversicherung will man sich ein neues Leben aufbauen, irgendwo in der Karibik. Natürlich geht alles schief, was schiefgehen kann. "Egal, was sie angreifen, es wird zu Gift", sagt Clooney. "Das beginnt schon damit, dass der kleine Sohn alles mitbekommt". Aus der Perspektive des Kindes erzählt Clooney seine Geschichte.

Was folgt, ist ein sich in immer absurdere Entwicklungen stürzendes Brutalitätenkabinett, wie es typisch ist für die Coens; Clooneys detailverliebte Regie arbeitet dem Stoff, aber auch dem Thema konsequent zu, sodass auch abstruse Schwenks in der Handlung entschuldbar bleiben.

"Schon in den 50ern hörte man überall, dass Amerika ‚great again‘ werden soll", sagt Clooney. "Ich hatte großes Interesse daran, unsere heutigen Probleme in einem Umfeld der 1950er zu untersuchen. Eine kranke Familie inmitten einer kranken Gesellschaft zu platzieren, erschien mir das richtige Mittel dazu".

Dass irgendwann im Film selbstredend die Schwarzen im Ort für all die Verbrechen verantwortlich gemacht werden, auch das ist sehr amerikanisch, findet Matt Damon: "Die Weißen rennen mordend durch die Straßen, und den Schwarzen geben sie die Schuld dafür".

Das besonders Unheimliche an den Figuren von "Suburbicon" ist jedenfalls ihre Wandlung vom Guten zum Bösen: "Wir haben es mit Monstern zu tun. Aber das waren sie nicht immer. Sie werden dazu gemacht, von all dem Bösen, das sie umgibt", so Clooney.

"Suburbicon" ist mit all seiner Gewalt und gleichzeitiger (und manchmal gewitzter) Boshaftigkeit wie ein Ausrufezeichen eines auf sein Land nicht gut zu sprechenden Künstlers. "Sagen wir es so: Der Film ist ein wütender Film. Mein Land ist in einem wütenden Zustand, so viel Wut habe ich dort noch nie gesehen. ‚Suburbicon‘ reflektiert diese Wut im Land. Zugleich sollte der Film auch lustig und gemein sein, aber: Je länger wir drehten, desto wütender wurde ich". Nachsatz: "Aber ich bleibe Optimist, ich glaube, wir werden das überstehen". Die Hoffnung lebt, und endlich: Clooney lacht wieder.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2017-09-02 17:40:03
Letzte Änderung am 2018-08-29 10:13:36


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