"Man muss die richtigen Bilder finden für das Elend, das sich seit Beginn der Flüchtlingskrise abspielt", findet Ai Wei Wei. Der chinesische Allroud-Künstler hat genau das versucht, und daraus seinen ersten Film gemacht, die Doku "Human Flow", die heuer im Wettbewerb um den Goldenen Löwen von Venedig zu sehen ist.

"Es ist ein ganz neues Betätigungsfeld für mich", gibt der Künstler zu, "denn mit Film habe ich bisher kaum Erfahrungen. Ich empfand die Form der Dokumentation als geeignet, dem Strom an verknappten Bildern, die wir aus den Medien kennen, entgegenzuarbeiten. Stattdessen wollte ich mehr in die Tiefe gehen und die Schicksale dieser Menschen auf der Flucht zeigen".

Ai Wei Weis Anliegen ist ehrenwert, jedoch zeigt sein Film "Human Flow" genau das Gegenteil von dem, was er inhaltlich wollte: Der Film geht nicht in die Tiefe, sondern bleibt an der Oberfläche anonymer Zahlen kleben, die Ai Wei Wei freihändig über seinen Film verteilt, um ihm eine Art Struktur zu geben. Die Schicksal der Menschen ergründet er nicht, sondern verheddert sich letztlich im selben TV-dokumentarischen Stil wie unzählige Reportagen der Nachrichtensender. Mit einem Unterschied: Ai Wei Wei selbst taucht dann und wann zwischen den Flüchtlingen auf, er lässt sich in Flüchtlingscamps in Italien oder an der syrischen Grenzen filmen, inszeniert sich dabei selbst (bewußt oder unbewußt) als eine Art Heilsbringer. Der Künstler ist dafür von der Presse am Lido arg geprügelt worden, für viele Kritiker ist "Human Flow" der bislang schwächste und ärgerlichste Film eines überaus starken Wettbewerbs.

Ai Wei Wei verteidigte in Venedig seine Herangehensweise an das Thema: "Ich bin in dieses Projekt hineingestolpert", sagt der Konzeptkünstler. "Ich wurde unmittelbar mit dem Thema konfrontiert, als ich mit meinem Sohn auf Lesbos geurlaubt habe und wir ein Flüchtlingsboot haben stranden sehen. Das hat mich tief bewegt. Ich weiß bis heute viel zu wenig über das Thema, und empfinde mich dabei als Zuschauer, deshalb kann man mich auch im Film sehen, denn ich schaue dem zu, was da vor meinen Augen passiert", so Ai Wei Wei.

Den Zuschauer sprichwörtlich "mit ins Boot" holt "Human Flow" leider nicht, denn dem abgestumpften TV-Zuschauer die immer gleichen Bilder des Wahnsinns an den Grenzen zu zeigen, kann letztlich nur ohne Funktion bleiben. Ai Wei Wei hätte mehr Erregung geschafft, hätte er in seinem Film auch den normalen Alltag der Europäer als Kontrast zu jenem der Flüchtlinge gezeigt, oder zumindest die Schnittpunkte, an denen sich beide kreuzen.