Eigentlich hörte sich die Meldung, die im Juni 2007 durch die Medienwelt ging, unglaublich unglaubwürdig an. Harrison Ford hatte damals, im Alter von 64 Jahren, tatsächlich für einen vierten "Indiana Jones"-Film unterschrieben und stand vor Steven Spielbergs Kamera. Zwischen Teil drei und Teil vier lagen gut 19 Jahre, das ist schon rekordverdächtig. Und hat mit der Ratlosigkeit Hollywoods zu tun, auf welche neuen Filmstoffe man setzen kann, wenn die altbewährten doch eigentlich am besten funktionieren.

Aber Harrison Ford, immer schon der US-Superheld mit den wenigsten Muskeln, aber dem ironischsten Lächeln, hat seit damals nicht aufgehört, an seinem Vermächtnis zu arbeiten. Im Gegenteil: Es war erst der Anfang.

Ford-Franchise

Auch, wenn "Indiana Jones 4" eigentlich ein ziemlicher Reinfall gewesen ist, dürfte Ford Blut geleckt haben an der Tatsache, dass sich ikonenhafte Rollen einfach immer gut verkaufen, sei es gerade das Zeitalter des Kinosterbens (in den 1980ern, als sein Rollenbouquet richtig attraktiv war) oder im beginnenden Internetzeitalter anno 2007.

Inzwischen gibt es schon mehrere Kinogänger-Generationen, die mit Ford aufgewachsen sind. Dasselbe gilt für Figuren wie James Bond, aber da wechselt der Darsteller häufiger. Ford ist hingegen seine eigene Franchise.

Ford hat konsequent weiter an seiner "legacy" gearbeitet. Während andere Hollywood-Größen wie Jack Nicholson das Spielen längst aufgegeben haben, ist er noch immer aktiv. Aktiver als je zuvor. Doch die Reprise seiner wichtigsten und interessantesten Rollen unterscheidet sich in einem entscheidenden Punkt vom Gros der Hollywood-Stars, die Ähnliches versuchen, um ihren Stern auch jenseits des Rentenalters am Glühen zu halten. Schwarzenegger oder Stallone liefern seit einiger Zeit nur mehr Flops ab. Das hängt vielleicht auch damit zusammen, dass Muskelkraft und hohes Alter einander insofern ausschließen, als dass man Arnold und Sly den Actionhelden nicht einmal mehr bedingt abnimmt. Doch Harrison brauchte nie Muskeln - und ist genau deshalb noch immer en vogue.

Der neue "Blade Runner"-Film schlägt die 19 Differenzjahre von "Indiana Jones" locker. Es sind schon 35 Jahre vergangen, seit Ford in Teil 1 auf die Jagd nach Replikanten ging. "Blade Runner 2049" (ab heute, Freitag, im Kino) zeigt Ford in einer gleißend orangen Wüstenstadt, die einmal Las Vegas gewesen ist. Er schlüpft wieder in die Rolle eines gealterten Rick Deckard, der Vergangenes verarbeitet und Künftiges abzuwehren versucht. Vor allem, als Ryan Gosling in Gestalt des LAPD-Kommissars K auftaucht, um ein altes Geheimnis zu lüften. Mehr soll man, wenn es nach Regisseur Denis Villeneuve geht, lieber nicht verraten, damit das Publikum gespannt bleibt.

Jedenfalls zeigt Ford hier schon leichte Alterserscheinungen, denn das Laufen will seit seinem Flugzeugabsturz mit der Privatmaschine im März 2015 nicht mehr ganz so astrein funktionieren. Aber als Actionheld ist er dennoch ein veritabler Bringer: Inmitten der an sich trägen Konstruktion, die Villeneuve für "Blade Runner 2049" bereitstellt, ist Ford - auch, wenn er erst sehr spät im 163 Minuten langen Film auftaucht - ein echter Gewinn.

Selten hat er mit solchem Ernst und zeitgleich mit solcher Ironie einen Leinwandcharakter interpretiert; in "Star Wars: Episode VII" sah das noch anders aus, durchaus verspielter. Auch, wenn es die Wiedergeburt der erfolgreichsten Franchise der Filmgeschichte war: "Episode VII" zeigte auch, dass der neue Rechteeigentümer Disney nicht an der Komplexität der Figuren interessiert war, sondern einzig an ihrer Wiederauferstehung; es ging schließlich um viel Geld.

Ewiges Markenzeichen

Viel Denkarbeit steckte nicht in dieser Neuauflage von Han Solo, das bleibt wohl dem Spin-off "Han Solo" als Aufgabe, das im Mai 2018 kommen soll. Da ist Ford dann nicht mehr dabei, sondern sein jüngeres Lookalike Alden Ehrenreich. Aber Ford, dessen Han Solo in "Episode VII" durch die Hand seines Sohnes stirbt, hat seinen Part zu einem würdigen, wenn auch etwas saloppen Abgang gebracht. Er hat die Chance genutzt, an der eigenen Legende mitzuarbeiten, denn in 20, 30 Jahren werden die Fans genau diese späte Rückkehr in die Rolle als Meilenstein in der Saga bewerten.

Ähnliches versucht Ford nun mit "Blade Runner 2049". Auch darin kann er sich auf die etablierten, weil zu Filmgeschichte gewordenen Wesenszüge seiner Figur verlassen. Um ehrlich zu sein: Ford hat in all seinen Rollen eigentlich immer den selben Charakter gespielt. Der leicht nach oben gezogenen Mundwinkel, wenn es amüsant wurde, ist Markenzeichen des Schauspielers, das er auf alle seine Rollen anwenden konnte und durfte.

So wird er das auch wieder in "Indiana Jones 5" halten, der gerade in Vorbereitung ist. Tatsächlich grast Ford nun alle Ikonen ab, die er mitgeschaffen hat; das verleiht ihm ungeahnten Kultstatus bei Fans und in Hollywood. Wie lange kann man so etwas machen? Bis 80? 85? Eine überflüssige Frage, solange die Rolling Stones in Vollbesetzung um die Welt touren.