• vom 13.10.2017, 16:00 Uhr

Film

Update: 14.10.2017, 09:28 Uhr

Barbara Albert

"Man kommt gar nicht mehr hinterher"




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Von Matthias Greuling

  • Barbara Alberts neuer Film "Licht" ist ein Höhepunkt der diesjährigen Viennale. Ein Gespräch mit der Regisseurin.



Die blinde Resi (Maria Dragus, r.) kann wieder sehen, doch darunter leidet ihre Klavier-Virtuosität.

Die blinde Resi (Maria Dragus, r.) kann wieder sehen, doch darunter leidet ihre Klavier-Virtuosität.© Filmladen Die blinde Resi (Maria Dragus, r.) kann wieder sehen, doch darunter leidet ihre Klavier-Virtuosität.© Filmladen

Bei den Festivals in Toronto und San Sebastian wurde Barbara Alberts neuer Film "Licht" mit viel Applaus gefeiert, es ist ihr stärkster Film seit langer Zeit. "Licht" wird bei der diesjährigen Viennale (19. Oktober bis 2. November) am 21. Oktober seine Österreich-Premiere erleben und ist ab 10. November auch regulär im Kino zu sehen.

Albert führt ins Rokoko-Wien des Jahres 1777: Die 18-jährige Maria Theresia von Paradis, genannt Resi (Maria Dragus), ist seit ihrem dritten Lebensjahr blind. Dafür ist sie an den Klaviertasten eine wahre Virtuosin. Sie gilt als Wunderkind und spielt umjubelte Konzerte. Ihre Eltern setzen Hoffnungen in den umstrittenen Wunderheiler Franz Anton Mesmer (Devid Striesow). Bald schon beginnt Resi wieder zu sehen, was als medizinische Sensation gilt. Jedoch stellt Resi fest, dass ihre Virtuosität am Flügel unter der neuen Sehkraft zu leiden beginnt.

Information

Highlights der Viennale 2017

Zu den Höhepunkten dieses Programms zählt etwa der Eröffnungsfilm "Lucky" (Regie: John Carroll Lynch) mit Harry Dean Stanton in seiner letzten
Rolle, in der er über Leben und Tod reflektieren kann; von
Vergänglichkeit spricht auch der Abschlussfilm der Viennale, "La Villa" von Robert Guédiguian: Eine Bilanz am Lebensabend und ein Ausblick in
kommende Generationen bei einer Familie mit Wirtshaus am Meer, getragen
melancholisch, aber auch tragikomisch.

Die Viennale zeigt auch einige Weltpremieren, darunter James Bennings "Readers" oder Hartmut Bitomskys "Shakkei. Geborgte Landschaften". Das österreichische Kino ist stark vertreten, denn neben Barbara Alberts "Licht" stehen auch noch "Abschied von den Eltern" von Astrid Johanna Ofner, drei Dokus, etliche Kurzfilme und Ko-Produktionen wie "Western" (Regie: Valeska Grisebach), "Tiere" (Greg Zglinski) und "Teheran Tabu" auf dem Spielplan.

Besonders gespannt ist das Wiener Publikum immer auf die
Österreich-Premieren der großen Festival-Renner aus Cannes, Berlin und
Venedig. Von dort zeigt die Viennale etwa den umjubelten Oscar-Favorit "Three Billboards Outside Ebbing, Missouri" mit Frances McDormand, das Aids-Drama "120 battements par minute" von Robin Campillo oder "Downsizing" mit dem zu Spielfigurengröße geschrumpften Matt Damon. Auch "Hannah" mit Charlotte Rampling, "Helle Nächte" mit Georg Friedrich oder "The Insult" über
einen folgenreichen Nachbarschaftsstreit im Libanon reüssierten bereits
auf internationalen Festivalbühnen. Ebenfalls auf dem Programm steht
mit "Wonder Wheel" der neue Film von Woody Allen.

Während man Hans Hurch ein 14 Filme umfassendes Ehrenprogramm widmet,
zeigen andere Specials Werke von Heinz Emigholz, Raymond Depardon und
Christoph Waltz, der am 24. Oktober in Wien als Stargast im
Gartenbaukino erwartet wird.

Die Filmmuseum-Retrospektive des Festivals zeigt diesmal sowjetisches Kino zwischen "Utopie und Korrektur".

Am Samstag beginnt der Viennale-Kartenvorverkauf unter 01/526 594 769 oder auf viennale.at
Barbara Albert.

Barbara Albert.© Nick Albert Barbara Albert.© Nick Albert

"Wiener Zeitung": "Licht" zeigt sehr schön, wie die Gesellschaftsverhältnisse im Rokoko waren: Da gab es Unterdrückung und Missgunst, all das gepaart mit einer auffälligen Distanziertheit.

Barbara Albert: Schon als ich den Roman von Alissa Walser gelesen hatte, hat mich genau diese Unterdrückung der Gesellschaft so bewegt. Die Menschen rund um Resi, die sie unterdrücken, sind selbst Opfer eben jener, die wiederum sie unterdrücken. Das gesellschaftliche System im Rokoko ließ nicht zu, dass das, was in Resi steckt, aufblühen kann. Sie kann das Leben, das sie führen will, nicht leben. Dieser Aspekt hat mich aufgewühlt. Ich wollte im Verlauf des Films zeigen, wie das Innere von Resi erwacht und wie sie sich im Laufe der Zeit immer mehr entfaltet.

Eine junge Frau erlangt die Sehkraft zurück, dafür schwindet gleichzeitig ihr Talent beim Klavierspiel. Offenbar darf sie nicht beides: Sehen und Talent haben.

Mir war wichtig, dass es nicht nur eine Mystifizierung und Verherrlichung der Kunst ist, im Sinne von "Du musst immer ein Opfer für die Kunst bringen". Es ist eine tolle Spannung für die Figur und ein wichtiger Konflikt. Mit mehr Geduld seitens ihrer Familie hätte Resi es vielleicht geschafft, aus dieser Misere rauszukommen. Sehkraft oder Talent? Das ist natürlich ein naheliegender, spannender Konflikt, den ich aber nicht so verstanden wissen will, dass man immer etwas aufgeben muss. Resi hätte vielleicht noch mit der Entscheidung, wieder in die Blindheit zu gehen, gewartet, denn sie ist ein Mensch, der alles will: das Recht zu sehen und das Recht, ihre Musik zu spielen. In dem Moment, wo sie sich durchringt und sagt, dass das ihre Rechte sind, wird das von den Eltern, von den Ärzten und auch von der Gesellschaft verhindert. Sie steht aber im Moment der Entscheidung anders da als zu Beginn. Sie hat trotzdem etwas gewonnen, das hat mit Selbstbewusstsein zu tun. Das Tragische daran ist, dass gerade die Blindheit ihre Besonderheit war. Wenn man ihr die genommen hätte, hätte sie heiraten müssen, wäre weniger frei gewesen, hätte nicht ihre Reisen machen können und auch nicht komponieren. Letztlich hat sie die richtige Entscheidung getroffen.

Welches Frauenbild sehen wir hier? Wir haben hier eine Frau, die aufgrund ihres "Andersseins" ihre Freiheit gewinnt, die eigentlich jede Frau beziehungsweise jeder Mensch grundsätzlich haben sollte. Wie ist das heute?

Gesellschaftliche Zwänge sind auf der einen Seite wieder stärker geworden, gerade was junge Menschen betrifft. Vielleicht durch einen Drang, sich anzupassen, um möglichst gleich zu sein, um zu bestehen. Zugleich muss man auch etwas Besonderes sein, um in den Medien vorzukommen. Es ist ein Gegensatz, denn man muss beides erfüllen, man muss besonders sein und gleichzeitig auch möglichst angepasst. Das ist perfide und übt auf junge Menschen ziemlich großen Druck aus. Der Druck wirkt auf beide Geschlechter, jedoch ist das Frauenthema von gestiegener Relevanz, und wir arbeiten ja auch in der westlichen Gesellschaft an Quoten, an Gleichstellung, aber weltweit gesehen ist die Frau noch immer extrem benachteiligt.

Sie haben vor bald zwanzig Jahren mit "Nordrand" das viel gepriesene "österreichische Filmwunder" eingeleitet. Würden Sie diesen Film heute genauso drehen?

Als ich 1995 mit "Nordrand" begonnen habe, habe ich schon sehr stark Dinge gespürt, die heute Realität sind, gerade in Bezug auf die Entwicklung der Rechten in Gesellschaft und Politik. Ich würde "Nordrand" heute gar nicht so viel anders machen als damals. Ich muss grundsätzlich sagen: Die Veränderungen auf der Welt sind so hochtourig, dass man mit dem Reflektieren gar nicht mehr hinterherkommt. Ich habe vor mehreren Jahren ein Drehbuch geschrieben, das ich ständig umschrieb, weil ich merkte, dass es nicht mehr stimmt. Ich musste es dauernd aktualisieren, bis ich gar nicht mehr wusste, was ich dazu sagen kann. Für mich ist es sehr schwierig, etwas über die Welt zu erzählen, und darum bin ich froh gewesen, mit "Licht" eine Vorlage zu haben, die ich selbst genau bearbeiten kann. Diese Genauigkeit und der Umstand, eine Vorlage zu haben, entspricht mir sehr und ist für mich wie eine Befreiung.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2017-10-13 16:06:14
Letzte Änderung am 2017-10-14 09:28:50


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