Bob Weinstein findet seinen Bruder "verdorben". - © ap/Chris Pizello
Bob Weinstein findet seinen Bruder "verdorben". - © ap/Chris Pizello

New York. (dpa) Sind es nur Vitamine für einen angeschlagenen Patienten oder liegt er schon in der Notaufnahme? Die Finanzspritze eines Investors für die Weinstein Company (TWC) zeigt, wie es um das Filmstudio steht. Projekte wurden abgesagt, der Aufsichtsrat ist um mehr als die Hälfte geschrumpft. Nach den Vorwürfen wegen sexueller Übergriffe gegen Mitgründer Harvey Weinstein scheint das Unternehmen vor dem Aus.

Wie groß die Summe ist, die in die 2005 gegründete Firma des in Ungnade gefallenen Produzenten gepumpt werden soll, verrät die Beteiligungsgesellschaft Colony Capital nicht. Doch nachdem der Streaming-Anbieter Amazon sowie Apple und Disney bei geplanten Projekten den Stecker gezogen haben, scheint TWC zusätzliche Mittel gut gebrauchen zu können. Sogar eine Übernahme aller oder wesentlicher Teile des Geschäfts durch Colony ist im Gespräch.

Bob Weinstein wirkt bemüht, sich vom älteren Bruder Harvey zu distanzieren, seinen eigenen Ruf zu retten und den einst gemeinsam gegründeten Laden allein über Wasser zu halten. Harvey sei "krank und verdorben" und überhaupt hätten die beiden in den vergangenen fünf Jahren nur rund zehn Mal persönlich miteinander gesprochen, zitiert ihn das Magazin "Vanity Fair".

Neuer Vorwurf


Nun ist freilich auch Bob Weinstein selbst mit Vorwürfen konfrontiert. Amanda Segel, Produzentin der Sci-Fi-Serie "Der Nebel", behauptet, Bob Weinstein habe wiederholt versucht, sich ihr romantisch zu nähern. Er habe sie zum Abendessen, zu ihm nach Hause und in ein Hotelzimmer eingeladen. Segel sagte der US-Zeitschrift "Variety", Weinsteins Avancen hätten erst nach einem Ultimatum ihres Anwalts aufgehört: Sie habe angedroht, die Serienproduktion zu verlassen, sollte Weinstein seine Annäherungen nicht einstellen. Angeblich wurde eine Vereinbarung getroffen, die seinen Kontakt zu Segel auf die Arbeit beschränkt. Sein Anwalt weist die Vorwürfe zurück.

Innerhalb der Branche wird gemunkelt, ob Colony im Fall einer Übernahme nicht auch Bob Weinstein zur Tür bitten und die Firma umbenennen könnte. Denn die abstoßenden Vorwürfe dürften am Namen Weinstein noch lange haften bleiben.

Bob Weinstein hatte seinen Bruder öffentlich verurteilt. "Ich bin beschämt und angewidert über die Handlungen meines Bruders", sagte er. Mit dieser Äußerung reihte er sich in die Reaktion vieler Stars ein, die öffentlich Harvey Weinsteins Verhalten missbilligten.

Zu den "Big Six", also den sechs großen Filmstudios in Hollywood, zählt TWC nicht. Doch mit erfolgreichen Titeln wie "Django Unchained" und "Inglourious Basterds" von Quentin Tarantino, "The King’s Speech" mit Colin Firth oder "Silver Linings" mischte TWC als sogenanntes "Mini-Major" stetig mit. Mit Blick auf den Marktanteil lag TWC mit 1,5 Prozent zuletzt immerhin auf dem achten Platz hinter Giganten wie Warner Bros., Universal, Buena Vista und 20th Century Fox. Ob das in New York ansässige Unternehmen in kommenden Wochen und Monaten dicke Aufträge aus der Film- und TV-Branche angeln kann, muss sich zeigen. "Einer der ersten hochkarätigen Dominosteine ist gefallen", schrieb "Entertainment Weekly", als der Streaming-Anbieter Amazon die Produktion einer mit Robert De Niro, Julianne Moore und Michael Shannon besetzten Serie absagte. Laut "Los Angeles Times" war allein für diese zwei Staffeln von Regisseur David O. Russell ein Budget von 160 Millionen Dollar (135 Millionen Euro) vorgesehen.

Geplante Klage


Auch Apple will mit dem Unternehmen nach den Vorwürfen keine gemeinsame Sache mehr machen - zumindest vorerst. Eine als Biopic geplante Serie über Rock’n’Roll-Gigant Elvis Presley wurde ad acta gelegt. Und Disney strich Harvey Weinstein kurzum als Produzent für "Artemis Fowl". Der Fantasy-Film nach der Romanserie des Iren Eoin Colfer soll im August 2019 erscheinen.

22 Prozent hält Harvey Weinstein noch an TWC. Selbst nachdem er als Vorstandschef gefeuert wurde und vom Aufsichtsrat zurücktrat, plant er offenkundig keinen leisen Abgang: Dem Magazin zufolge will er gegen seine Entlassung klagen.

Bob Weinstein hat erklärt, bereits geplante Filmprojekte trotzdem voranzutreiben. Im November soll "Paddington 2" ins Kino kommen, der Horrorfilm "Polaroid" um eine mysteriöse Kamera soll im Dezember anlaufen. Die Frage ist nur: Kann ein Filmstudio nach Vorwürfen wegen sexueller Übergriffe von fast 50 Frauen, darunter Namen wie Angelina Jolie und Gwyneth Paltrow, und angesichts sich distanzierender Stars wie Meryl Streep, Ryan Gosling, Tom Hanks und Leonardo DiCaprio in der Filmbranche heutzutage überleben?