Frederick Wiseman, nüchterner Beobachter. - © Katharina Sartena
Frederick Wiseman, nüchterner Beobachter. - © Katharina Sartena

Der Mann hat ein Faible für Größe, aber er kennt keinen Bombast. Frederick Wisemans Filme sind lange, manche sogar sehr lange, aber sie prahlen nicht, sondern sind nüchterne Boten seines Credos: Wiseman gilt als Vordenker im sogenannten Direct Cinema, einer Unterform des Dokumentarfilms, die sich Ende der 50er Jahre in den USA entwickelte. Stilprägend ist die in beobachtender Position verweilende Kamera, die nicht kommentiert, suggeriert, manipuliert, sondern abbildet, was ist.

Auf diese Weise hat Wiseman, inzwischen 87 Jahre alt, dutzende relevante Zeitspiegel der US-Gesellschaft gedreht, darunter "Titicut Follies" (1967), "Meat" (1976) oder "Domestic Violence" (2001). Wiseman hat aber auch etliche Institutionen porträtiert, darunter die Universität Berkeley oder die National Gallery in London.

Gegen den Zeitgeist


Sein neuer Film "Ex Libris" zeigt die monumentalen Ausmaße der New York Public Library. Fast 200 Minuten lang fesselt Wiseman ohne Kommentar und durch seine nüchterne, aber überraschende Montage eines Bibliothekenalltags, ohne dabei jemals langweilig zu werden. "Ich will immer sehr viele Überraschungen einbauen, damit der Film nicht vorhersehbar wird", erläutert Wiseman sein Konzept. "Der Film entsteht am Schneidetisch, und ich liebe es, meine komplexen Themen in aller Ausführlichkeit zu schildern." Dass er damit gegen den Zeitgeist arbeitet, ist dem New Yorker bewusst. "Ich will mich den Konventionen des Fernsehens nicht beugen müssen, sondern schulde es meinen Protagonisten, sie in allem Umfang abzubilden." Trotz ihrer Länge laufen Wisemans Dokus dennoch in den Staaten im TV. "Zumeist sogar im Hauptabend", lacht Wiseman.

Wiseman zeichnet die Bibliothek als Ort der Fortbildung und als Hort des Wissens; er setzt bewusst einen Kontrapunkt zur Trump-Debatte in den USA. "Die Bibliothek ist die wichtigste demokratische Einrichtung, die es gibt", so Wiseman. "Im Prinzip zeige ich einen Gegenentwurf zum Trump-Amerika. Trump hasst Immigranten, hält nichts von Bildung und ist kein Humanist. Ich zeige in ‚Ex Libris‘ nur die besten Seiten der USA, Trump repräsentiert dagegen die schlechtesten Seiten."

Viennale-Termine: "Ex Libris"

24. 10., 13 Uhr, Gartenbaukino

29. 10., 16 Uhr, Urania

wienerzeitung.at/viennale