Romy Schneider, lasziv in "Das Mädchen und der Komissar" (1970) von Claude Sautet. - © Giancarlo Botti/Gamma-Rapho/courtesy Schirmer/Mosel
Romy Schneider, lasziv in "Das Mädchen und der Komissar" (1970) von Claude Sautet. - © Giancarlo Botti/Gamma-Rapho/courtesy Schirmer/Mosel

"Sie ist von einer Schönheit, die sie sich selbst geschaffen hat. Eine Mischung aus giftigem Charme und tugendhafter Reinheit. Sie ist leicht wie ein Allegro von Mozart und zugleich körperlich und sinnlich. Auf eine Frau wie sie habe ich gewartet."

Diese Worte sind eine Liebeserklärung, und sie gelten auch fast 35 Jahre nach Romy Schneiders Tod wie an jenem Tag, an dem sie Claude Sautet ausgesprochen hat. Der französische Regisseur war der vielleicht wichtigste Filmemacher in der Karriere von Schneider; er machte sie zur Ikone in Frankreich und in ganz Europa. Damals, als Romy Schneider im Jahr 1969 die Dreharbeiten zum famosen Beziehungsdrama "Die Dinge des Lebens" - ihrer ersten Zusammenarbeit mit Sautet - begann, da haftete ihr immer noch das "Sissi"-Image an, das sie schon über 13 Jahre abzuschütteln versuchte. Erfolglos. Obwohl Romy Schneider nach dem "Sissi"-Dreiteiler von Ernst Marischka in insgesamt 27 Filmen mitwirkte, gelang es ihr nicht, die Rolle auch nur ansatzweise loszuwerden. Das gelang erst mit Sautet.

Alle Filme chronologisch

Der opulente, prächtige Bildband "Romy Schneider: Film für Film" lässt die außergewöhnliche Karriere dieser Schauspielerin vor dem Hintergrund sämtlicher ihrer Filme Revue passieren. Dabei gelingt Autorin Isabelle Giordano ein kleines Kunststück: Der Band stellt nicht nur alle 63 vollendeten und unvollendeten Filme der Schneider mit sauber bearbeiteten Filmstills und umfassenden Beschreibungen vor, sondern verortet jeden davon auch im persönlichen Leben der Schauspielerin; der Leser erfährt, in welcher psychischen Großwetterlage Romy Schneider ihre Filme drehte. So ergibt sich das spannende Bild, welcher Film mit welcher (oft tragischen) Zeit in Schneiders Leben in Relation stand. Giordano ordnet damit auch die emotionalen und persönlichen Hintergründe und Zustände des Stars zu. Eine Filmbiografie der anderen Art, die Faktisches mit Anekdotischem verbindet, wobei ihr Fokus schon ganz klar auf Schneiders Oeuvre liegt.

Auch, wenn das Buch hilft, die Schauspielerin Romy Schneider zu erfassen, kommt es dennoch nicht hinter das Geheimnis ihrer Aura. Das wäre auch kontraproduktiv, denn der Band will seine Protagonistin feiern und sie keinesfalls entzaubern.

Freche 50er Jahre

Umso interessanter fällt das Eintauchen in die weniger bekannten, aber nicht minder qualitativen Arbeiten der Schneider aus. Schon in den 1950er Jahren hat sie - ganz abgesehen von den drei "Sissi"-Filmen und dem Nachkriegszerstreuungskino wie "Wenn der weiße Flieder wieder blüht" (ihr Filmdebüt von 1953) - durchaus in Werken mitgewirkt, die ihrer Zeit seltsam weit voraus schienen. In "Mädchen in Uniform" (1958, Regie: Géza Radványi) gibt es einen innigen Kuss zwischen Schneider und Lilli Palmer, ihrer Lehrerin im Film, was für einen ordentlichen Skandal sorgte. In "Christine" (1958, Pierre Gaspard-Huit), einer tragische Liebesgeschichte, vorgetragen noch ein letztes Mal im K.u.k.-Dekor, lernt sie ganz schicksalhaft ihre Lebensliebe Alain Delon kennen, der mit ihr in Laxenburg dreht. In "Die Halbzarte" (1959, Rolf Thiele) ist sie eine junge Autorin, die ein freizügiges Skandal-Stück über Sex schreibt und damit im Wiener Nachkriegsmief ordentlich für Aufsehen sorgt. Ein ungewöhnlich frecher Film für jene Zeit.

Die 60er Jahre brachten große Orientierungslosigkeit in Romy Schneiders Karriere. Die Lossagung vom Sissi-Image brachte ihr kaum mehr Filmangebote in Deutschland. An Delons Seite spielte sie unter Visconti in Paris Theater ("Schade, dass sie eine Dirne ist"), und ihr Ausflug nach Hollywood brachte Begegnungen mit den größten Regisseuren der damaligen Zeit, etwa mit Otto Preminger ("Der Kardinal", 1963) oder Orson Welles ("Der Prozess", 1962). Sie dreht mit Woody Allen, Christopher Plummer oder Jack Lemmon. Aber eine richtige Karriere entwickelt sich daraus nicht.

Der 1964 begonnene, aber nie fertiggestellte "L‘enfer" ("Die Hölle") hätte die Wende sein können, aber die Produktion versank in Chaos, Streitereien und Budget-Explosionen, ehe Regisseur Henri-Georges Clouzot einen Herzinfarkt erlitt und der Film gestoppt wurde. Serge Bromberg hat 2009 aus dem bis dahin unter Verschluss gehaltenen Filmmaterial eine viel beachtete Doku gestaltet.

Es ist schließlich Delon, der damals schon von ihr getrennt ist, der Romy startklar macht für ihre Karriere in Frankreich: "Der Swimmingpool" (1968) zeigte die Ex-Geliebten wieder vereint unter der heißen, sündigen Sonne Südfrankreichs, verstrickt in viel Lust, Eifersucht und ein Verbrechen. Es war die Geburt vom Mythos der Romy Schneider - Sissi war tot, die Femme fatale war geboren.

Die Jahre mit Sautet

Es folgten ihre fünf Filme mit Sautet, von denen "César & Rosalie" (1972), eine Dreiecksgeschichte mit Yves Montand und Samy Frey, zum größten französischen Filmhit des Jahrzehnts avancierte. Sie drehte Erfolge wie "Die unschuldigen mit den schmutzigen Händen" (Claude Chabrol), "Trio Infernal" (Francis Girod) oder "Nachtblende", für den sie einen César erhielt. Romy arbeitete ohne Unterlass, das Drehen wird zur Sucht. Ein später Höhepunkt wird "Eine einfache Geschichte" (1978), erneut von Sautet; die Geschichte thematisiert Abtreibung und Arbeitslosigkeit, und brachte Schneider ihren zweiten César. 1981, kurz nach Drehschluss zu "Das Verhör" mit Lino Ventura, stirbt ihr Sohn David bei einem schrecklichen Unfall. Es ist Romy Schneiders emotionaler Tod, sie wird ihren Sohn um nicht einmal zwölf Monate überleben. Es wird nur mehr einen weiteren Film von ihr geben, "Die Spaziergängerin von Sans Souci", ein Abschied in Tränen, aber eine Aura wie früher.

Das ist vielleicht die Faszination, der man lieber nicht auf den Grund gehen sollte, um sie sich zu erhalten: Romys Aura darf man nicht entschlüsseln, aber man darf sie sichtbar machen, so wie dieser wunderbare Bildband.