Schon lange hadert Robert Pattinson mit seinem Image als verführerischer Vampir, das ihm seit seiner "Twilight"-Zeit mit schöner Regelmäßigkeit den Tag verdirbt. Denn wer immer nur mit einer Rolle assoziiert wird, der hat darunter zumindest künstlerisch einigermaßen zu leiden.

Deshalb hat Pattinson mit 31 schon eine lange, zweite Karriere hinter sich, in der er versucht, die Altlast "Twilight" abzustreifen und konsequent durch filmkünstlerisch bedeutsame Werke zu ersetzen. Er spielte etwa in David Cronenbergs "Cosmopolis" und "Maps to the Stars", war in Anton Corbijns "Life" als Fotograf des berühmtesten James-Dean-Porträts zu sehen und spielte in Brady Corbets viel beachtetem Regiedebüt "The Childhood of a Leader". Jetzt kommt er mit "Good Time" der New Yorker Regie-Brüder Benny und Josh Safdie in die Kinos, ein hochgelobter Thriller rund um einen glücklosen Bankräuber, der seinen Bruder aus dem Knast holen will. Ein Rollen-Bouquet, das vielfältiger nicht sein könnte, und das vor allem zeigt: Dieser junge Mann will von "Twilight"-Schmonzetten so schnell nichts mehr wissen.

"Wiener Zeitung": Mr. Pattinson, das letzte Mal, als wir miteinander sprachen, hatten Sie mit "Cosmopolis" Ihren ersten "ernsthaften" Film nach "Twilight" gedreht. Inzwischen sind einige hinzugekommen. Fühlen Sie sich schon angekommen?

Robert Pattinson: Ich versuche nach wie vor, interessante Rollen anzunehmen, die auch meinen Fans von früher gefallen könnten, aber für mich waren kleinere, anspruchsvolle Filme wirklich eine gute Möglichkeit, meine Karriere nach "Twilight" fortzusetzen. Ich wollte immer kleine Schritte machen und hoffe, dass man mich weiterhin besetzt.

Wie präsent ist "Twilight" heute noch in Ihrer Realität?

Gar nicht mehr. Ich konzentriere mich auf meine Karriere, "Twilight" liegt schon lange zurück, und ich glaube, dass ich den Übertritt zu anderen Genres ganz gut gemeistert habe. Nach dem Hype um den ersten "Twilight"-Film sagte mein Agent damals zu mir: Es dauert nun zehn Jahre, bis du wirklich zum nächsten Kapitel in deinem Leben kommen kannst. Ich weiß heute, er hat recht. Ich bin heute ein ganz anderer Mensch als damals. Ich glaube, Leonardo DiCaprio machte nach "Titanic" eine ähnliche Zeit durch. Heute hat er das hinter sich.

In "Good Time" spielen Sie einen Bankräuber. Sind Sie gerne der Bösewicht?

Immerhin überfalle ich die Bank nicht mit einer Pistole, denn das hätte das Strafmaß ja dramatisch verschärft! Und meine Figur hat im Film ja sehr triftige Gründe für das, was sie tut. Aber es ist keine Frage von Gut oder Böse: Auch Edward in "Twilight" war nicht unbedingt ein Guter, schließlich wollte er ja den ganzen Tag über Menschen töten, um an ihr Blut zu kommen.

Welche Kriterien legen Sie an die Bücher, die man Ihnen schickt?

Ich brauche Drehbücher, die etwas in mir bewegen. Im Fall von "Good Time" ist es dieses enorme Tempo, das der Film vorlegt. Ich stelle mir auch immer die Frage, ob die Figur, die mir angeboten wird, auch wirklich eine reale Figur ist, das heißt: Wirkt sie auf mich glaubhaft in der Art, wie sie geht, spricht, isst, trinkt? Wenn ich dann auch noch finde, dass ich mir die Rolle zutrauen kann, bin ich dabei. Man möchte als Schauspieler ein Künstler sein, aber man ist sehr stark abhängig von allen anderen in einem Ensemble und von dem Material, das man zur Verfügung hat.

Welche Rolle spielen die Erwartungen des Publikums bei der Rollenwahl?

Ehrlich gesagt: Ich habe mich nie besonders um solche Erwartungen gekümmert. Ich nehme die neuen Erfahrungen, wie sie kommen - in guten und auch in schlechten Zeiten. Das heißt: Weil ich selbst nie große Erwartungen habe, kann ich auch nicht desillusioniert werden. Beim Drehen fühlte ich keinerlei Druck, aber bin sehr selbstkritisch. Ich kann mich nicht auf der Leinwand sehen. Deshalb habe ich bei Premieren meiner Filme ganz schön Herzklopfen. "Cosmopolis" war damals der erste Film, den ich bei einer öffentlichen Vorführung durchgesessen habe. Aber nicht ganz freiwillig, denn bei der Premiere in Cannes konnte ich nicht raus. Ich habe dann gar nicht mehr richtig zugesehen, sondern auf die Reaktion des Publikums geachtet. Jedes Husten habe ich interpretiert: Oh mein Gott, was bedeutet dieses Husten? Ich will ja, dass jeder den Film mag.

Kann diese Selbstkritik auch zu einem Hindernis werden?

Ich weiß es nicht. Ich glaube, ich arbeite sehr viel verkopfter als so mancher Kollege. Das lässt einen distanzierteren Blick auf mich selbst zu. Zugleich mache ich mir einfach viel zu viele Sorgen um alles. Ich habe immer das Problem, dass ich mich in meinen Rollen beweisen will. Manchmal wünsche ich mir, ich hätte ein größeres Ego, wirklich. Das würde mir helfen, etwas mehr aus dieser ganzen Sache hier zu schöpfen.

Hat Sie Ihre Abkehr vom Mainstream-Kino zufriedener gemacht?

Vielleicht. Denn inmitten dieses großen Hypes damals habe ich mich schon dann und wann selbst verloren. Man ist die ganze Zeit damit befasst, nicht unterzugehen. Heute bin ich entspannter: Ich will mit Leuten arbeiten, die gute Projekte machen. Dabei geht es mir nicht um Geld oder um Publikumsmagneten. Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich habe nichts gegen kommerzielle Filme, aber wenn etwas nur wegen der Kunstform passiert, wegen der Kunst an sich, dann sind das meistens die besten Projekte. Und ich selbst möchte Filme nicht machen, weil sie super bezahlt sind, sondern weil ich sie aus innerster künstlerischer Überzeugung machen möchte.