• vom 20.11.2017, 10:40 Uhr

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Update: 20.11.2017, 10:43 Uhr

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Irritierend und insistierend: Ulrich Seidl wird 65




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Von WZ Online, APA

  • Einer der kontroversesten und wichtigsten Filmemacher Österreichs feiert am Freitag Geburtstag.

Wien. "Niemand ist vor Ulrich Seidl sicher", sagt US-Regisseur John Waters. Ein ausführliches Interview, in dem er sich als absoluter Fan des österreichischen Kollegen outet, ist in dem Begleitbuch zu Seidls "Complete Works" nachzulesen. Die 18-teilige DVD-Box mit allen Filmen seit 1980 ist soeben erschienen. Rechtzeitig vor dem 65. Geburtstag, den Seidl am Freitag (24. November) feiert.

Egal ob man die Filme von Ulrich Seidl mag oder nicht, kalt lassen sie einen nie. Das war schon bei den ersten dokumentarischen Werken auf der Filmakademie so, das galt auch für "Hundstage", "Import Export", die "Paradies"-Trilogie oder "Im Keller", der hohe Wellen schlug. Sein bisher jüngster Film "Safari" hatte am vergangenen Wochenende seine TV-Erstausstrahlung.

Zur Offenbarung menschlicher Untiefen bereit

Dass Seidl als einer der irritierendsten, kontroversesten und wichtigsten Filmemacher seiner Generation gilt, verdankt er seinem insistierenden Blick. Und seiner Fähigkeit, Menschen zu finden, die sich bereitwillig diesem Blick aussetzen und dabei jene menschlichen Untiefen offenbaren, die üblicherweise gut versteckt in den eigenen vier Wänden bleiben. "Ich mache keine Filme, um Leute anzuklagen, sondern meine Darsteller sind Beispiele für eine Gesellschaft insgesamt, sind Sittenbilder", sagt Seidl im APA-Interview. Seine Filme versteht er als Spiegel, nicht als Zerrspiegel.

Mit seinem Spielfilm-Debüt "Hundstage" gewann er 2001 den Großen Preis der Jury bei den Filmfestspielen von Venedig, wo zwölf Jahre später auch "Paradies: Glaube" mit einem Jurypreis ausgezeichnet wurde, ein Film, dem Blasphemie vorgeworfen wurde. Seine Doku "Jesus, du weißt" verwandelte Seidl an der Berliner Volksbühne in ein Theaterstück mit dem Titel "Vater unser" (eine zweite Theaterarbeit, "Böse Buben / Fiese Männer", hatte bei den Wiener Festwochen Premiere). Die Auseinandersetzung mit Religion kommt nicht von ungefähr. Der am 24. November 1952 in Wien geborene und im niederösterreichischen Horn aufgewachsene Seidl hätte eigentlich Priester werden sollen, schlich stattdessen aber an den Wochenenden ins für ihn verbotene Kino: Uschi-Glas- und Westernfilme waren erste prägende Filmerfahrungen. Seidl studierte in Wien Publizistik, Theaterwissenschaft und Kunstgeschichte, mit Jobs als Nachtwächter, Lagerarbeiter und als Medikamentenversuchskaninchen finanzierte er sein Studium.

Verlässt sich auf Improvisationen

Erst mit 26 Jahren entschloss er sich, die Filmakademie zu besuchen, die er nach seinem Debüt "Einsvierzig" (über einen Liliputaner) und dem umstrittenen Film "Der Ball" frühzeitig wieder verließ - Filme, in denen die charakteristische Bildsprache und die radikale Annäherung an die Themen bereits deutlich vorhanden sind. Seidls filmisches Schaffen umfasst alle Facetten zwischen Dokumentar- und Spielfilm und mischt diese, so wie er gerne sowohl mit professionellen Schauspielern (Maria Hofstätter, Georg Friedrich u.a.) als auch mit Laien dreht. Er sei nicht darauf angewiesen, dass geschriebene Szenen in den Film kommen, verlasse sich dagegen vielmehr auf Improvisation und daraus erwachsende Überraschungen, deshalb könne die Arbeit an seinen Filmen oft jahrelang dauern, sagt Seidl, der als Drehbuchautor, Regisseur und Produzent sein Leben ganz dem Film gewidmet hat.

Derzeit dreht Seidl seinen nächsten Film, "Böse Spiele". Das Drehbuch stammt von Seidl und Veronika Franz, die seit mehr als 20 Jahren ein künstlerisches Team bilden. Georg Friedrich und Michael Thomas, zwei langjährige Mitglieder der "Seidl-Filmfamilie", auf die der Regisseur stolz ist, spielen darin zwei Brüder, die zum Begräbnis ihrer Mutter in ihr Elternhaus in Österreich zurückkehren. "Sie tragen sie zu Grabe und gehen anschließend wieder getrennte Wege - der eine nach Rumänien, wo er sein neu begonnenes Leben weiterleben will, der andere nach Rimini, wo er einen alten Traum weiterträumen will. Doch auf kurz oder lang werden sie beide von ihrer Vergangenheit eingeholt", heißt es in einer Synopsis.

Viele Projekte in der Schublade

Ihren dementen alten Vater mit Nazi-Vergangenheit verkörpert Hans-Michael Rehberg, der kurz nach den Dreharbeiten gestorben ist. Von "tieftraurigen und wahrhaftigen Szenen, die ich nie vergessen werde", spricht Seidl. "Hans-Michael Rehberg war als Mensch bescheiden und uneitel. Immer der Sache dienend und bereit das Beste zu geben und darin perfekt sein zu wollen. Trotz Krankheit. Trotz Schmerzen. Trotz Angst vor dem Tod." Die Fertigstellung des Films ist für Frühjahr 2019 geplant.

Viele Projekte hat Ulrich Seidl noch in der Schublade. Eines ist ihm ein besonderes Herzensanliegen: ein bisher an der Finanzierung gescheiterter historischer Film über den Räuberhauptmann Grasel, der Anfang des 19. Jahrhunderts im Waldviertel und Südmähren sein Unwesen trieb: "Das wäre noch einmal etwas ganz anderes. Das wäre eine große Herausforderung für mich."





Schlagwörter

Film, Jubiläum, Ulrich Seidl

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2017-11-20 10:41:27
Letzte Änderung am 2017-11-20 10:43:35



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