So unkenntlich sah der aus dem Film geschnittene Kevin Spacey in der Rolle aus. - © Tobis
So unkenntlich sah der aus dem Film geschnittene Kevin Spacey in der Rolle aus. - © Tobis

Mitte Oktober 2017 wurde der "Wiener Zeitung" ein Interview mit Kevin Spacey angeboten. Es ging um seinen neuen, noch unfertigen Film "All the Money in the World", in dem der "House of Cards"-Star den Öl-Milliardär Jean Paul Getty darstellte. Das Telefonat mit Spacey fand zwischen Wien und New York statt. Spacey selbst griff zum Hörer und rief an, kein wie sonst üblich vorgeschalteter PR-Mensch. Man sprach über das gewichtige Make-up, das man Spacey tagtäglich in fünfstündiger Prozedur auftragen musste, damit er Getty ähnelte. Es ging auch um die schwer nachvollziehbare Haltung Gettys, die im Film erzählt wird: Als 1973 sein Enkel John Paul Getty III in Italien entführt wurde, weigerte sich der schwerreiche Großvater, das Lösegeld von 17 Millionen Dollar zu zahlen. "Ich habe sechs Enkel. Wenn ich anfange, jetzt Lösegeld zu zahlen, dann wird es bald nur mehr Entführungen geben", sagt Getty im Film.

Kevin Spacey hätte unter der Regie von Ridley Scott vermutlich etliche Nominierungen für die beste Nebenrolle erhalten, denn darauf sind solche Filme angelegt. Das Gespräch mit Spacey kam schließlich auch auf die gerade aufgeflammte Affäre rund um Harvey Weinstein, doch Spacey wollte dazu keinerlei Kommentar abgeben. Wenige Tage später sah Spacey sich selbst mit Missbrauchsvorwürfen konfrontiert, flog über Nacht aus dem Team der Serie "House of Cards", wurde zur Persona non grata der Filmindustrie.

Zurück blieb - neben dem nun unbrauchbar gewordenen Interview - sein abgedrehter Film "All the Money in the World". Regisseur Scott sah sich vor einem Riesenproblem: Der geplante US-Filmstart am 22. Dezember würde es nach den Statuten der Oscar-Akademie noch erlauben, den Film für die Preisverleihung im März zu qualifizieren, denn dafür muss ein Film mindestens eine Woche im abgelaufenen Jahr in den US-Kinos zu sehen gewesen sein. Allein: Wer wollte "All the Money in the World" noch sehen, nachdem sein Star in Ungnade gefallen war? Die Oscar-Chancen würden - für alle Beteiligten - gegen null sinken, und auch das Einspielergebnis würde wohl die Ereignisse widerspiegeln.

Spacey herausschneiden

Also entschied sich Scott zu einem radikalen, einzigartigen Schritt (oder: Schnitt): Er wollte alle Szenen mit Spacey aus dem Film entfernen und den Part mit Christopher Plummer als Jean Paul Getty neu drehen. Plummer war Scotts ursprüngliche Wunschbesetzung, aber die Produzenten bestanden damals auf Spacey wegen dessen enormer Popularität. Und vielleicht auch deshalb, weil man ihm durch seine Rolle als korrupter US-Präsident in "House of Cards" auch jeden noch so fiesen Charakterzug ungeschaut abgenommen hätte.