Wien. Am Beginn stand eine große Geheimniskrämerei. Nicht einmal die Viennale-Mitarbeiter selbst haben bis Donnerstag früh gewusst, wer ihnen beim kommenden Filmfestival als künstlerischer Leiter vorstehen wird. Erst bei der Präsentation im Wiener Metrokino kam Licht ins Dunkel.

Video: Eva Sangiorgi wird neue Chefin der Viennale.

Der Wiener Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny präsentierte mit der 39-jährigen Italienerin Eva Sangiorgi eine überraschende, internationale Lösung für die Nachfolge des im Vorjahr verstorbenen Langzeit-Direktors Hans Hurch. Sangiorgi ist damit die erste Frau, die als Viennale-Direktorin die künstlerische Alleinverantwortung für Österreichs wichtigstes Filmfestival innehaben wird. Und zwar vorerst für drei Jahre, so lange läuft ihr Vertrag, der im März in Kraft treten wird. Bis dahin bleibt die als umtriebige "Größe des Festivalgeschehens" bezeichnete Sangiorgi nämlich noch Chefin bei dem von ihr 2010 gegründeten Filmfestival "Ficunam" in Mexiko City, dessen kommende Edition Ende Februar sie noch selbst verantworten wird.

"Entscheidend für die Bestellung von Eva Sangiorgi waren letztendlich ihr umfangreiches Filmwissen sowie ihre klare, dezidierte und selbstbestimmte Haltung zu Film und Filmschaffenden", heißt es vonseiten der Viennale. "So kann eines der wesentlichen Merkmale der Viennale, aus dem sich ihr Spirit und die internationale Beachtung zu einem Gutteil nähren, erhalten werden: Eine einzige Person wählt die Filme aus, kann jede einzelne Entscheidung begründen und übernimmt dafür die volle Verantwortung."

Insgesamt 30 Bewerbungen sind bei der internationalen Bewerbungsausschreibung zur Viennale-Leitung eingegangen, "und wir freuen uns sehr, dass darunter 14 Frauen waren", sagt Viennale-Geschäftsführerin Eva Rotter. Dass man sich für Sangiorgi entschieden hat, ist ein Signal an die männerdominierte Welt des Kulturmanagements, zugleich aber auch der internationalen Erfahrung Sangiorgis geschuldet, betont Mailath-Pokorny: "Ein Blick von außen auf das Festival und die heimische Filmszene erscheint mir wichtig, gerade in Zeiten aufkeimender Nationalismen." Mailath-Pokorny, der bei der Bestellung Sangiorgis mitentschieden hat, sieht dies als "Signal für eine weltoffene Kulturpolitik und der Verjüngung". Nachsatz: "Abschottung ist Provinzialismus, und die Viennale ist das Gegenteil davon."

Das Kuratorium entschied sich für Sangiorgi, nachdem diese von der sechsköpfigen Findungskommission empfohlen wurde. In dieser Kommission stimmten unter anderem Filmemacherin Tizza Covi, Journalistin Gabriele Flossmann, Barbara Fränzen aus dem Kulturministerium und "Falter"-Herausgeber Armin Thurnher ab.

Sangiorgi, die nach ihrem Studium der Kommunikationswissenschaften in Bologna ab 2003 in unterschiedlichen Funktionen für Filmfestivals tätig war, etwa als Kuratorin oder Programmiererin, will "neue, frische Energie" nach Wien mitbringen.

Mehr junges Publikum

"Ich werde die Viennale im Wesentlichen von ihrem Charakter her belassen, wie sie ist, werde auch Kooperationen wie jene mit dem Filmmuseum fortsetzen, will aber auch und gerade zu den jüngsten Kinobesuchern aufschließen", so Sangiorgi. Neben der Förderung junger Regietalente und der Öffnung des Festivals für andere Kunstformen, die sich mit dem bewegten Bild befassen, kündigte Sangiorgi an, die Trennung im Programm zwischen Spiel- und Dokumentarfilm aufzuheben, da die Grenzen hier ohnehin mehr und mehr verschwimmen würden. Weitere Details über ihre Ideen für die Viennale blieb die neue Chefin vorerst schuldig.

Franz Schwartz, der der Viennale 2017 als interimistischer Leiter vorstand, zeigte sich erfreut über die internationale Neuausrichtung des Festivals. "Eva Sangiorgi spricht insgesamt vier Sprachen. Deutsch noch nicht. Man kann sich ausmalen, wie überzeugend ihre Bewerbung war, wenn sogar das keine Rolle gespielt hat." Sangiorgi will aber nach ihrer Übersiedelung von Mexiko nach Wien rasch Deutschkurse besuchen, kündigte Eva Rotter an. Und verrät auch, dass Sangiorgi die Viennale selbst schon sehr gut kennt: In den letzten acht Jahren war sie regelmäßig als Gast beim Festival und lernte die Abläufe sowie den Spirit der Filmschau kennen.