• vom 26.01.2018, 16:15 Uhr

Film

Update: 26.01.2018, 17:05 Uhr

Max Ophüls Preis

Der schmale Grat zwischen den Abgründen




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Von Matthias Greuling

  • Das Filmfestival "Max Ophüls Preis" in Saarbrücken zeigt auch heuer etliche österreichische Beiträge.

Nicholas Ofczarek wirkte am Drehbuch von "Zauberer" mit. - © Superfilm

Nicholas Ofczarek wirkte am Drehbuch von "Zauberer" mit. © Superfilm

Saarbrücken.Das Publikum ist elektrisiert. Die Filmemacher auch. Die Stimmung muss sofort online geteilt werden. So läuft filmische Nachwuchsarbeit und Selbstpromotion im Zeitalter von Smartphone und Social Media. Gleich geblieben ist das, was man in Saarbrücken das Filmfestival "Max Ophüls Preis" nennt: Eine Plattform für den deutschsprachigen Filmemacher-Nachwuchs, der nicht notwendigerweise blutjung, aber zumindest neu im Geschäft sein sollte.

Inzwischen 39 Ausgaben liegen hinter dem Festival - es steuert daher auf das nicht mehr ganz so jugendliche fünfte Lebensjahrzehnt zu. Aber alles hier ist frisch und lässig, nicht betont "hipp" oder "cool", sondern angenehm zurückhaltend und "sophisticated". Dafür ist diese Filmschau bekannt, und auch, dass sie sich in großem Maße für das österreichische Nachwuchskino begeistern kann, so wie in diesem Jahr für gleich drei Beiträge im Wettbewerb: Bei den Spielfilmen sind dies "Zauberer" von Sebastian Brauneis und "Cops" von Stefan A. Lukacs, bei den Dokus tritt "Bruder Jakob, schläfst du noch?" von Stefan Bohun an. Am Samstagabend werden hier die Preise verliehen, gut möglich, dass auch ein Österreicher dabei ist.

Call-Boys und Cops

"Zauberer" ist ein rasend unkonventioneller Episodenfilm, dessen fahrige Machart und seine letztlich allesamt gescheiterten Protagonisten auffallen. Neben Brauneis und dem Schriftsteller Clemens Setz wirkte auch Nicholas Ofczarek am Buch mit, der im Film einen Psychiater spielt. Er will seiner blinden Freundin (Ofczareks Ehefrau Tamara Metelka) in allerlei Vielfalt die Welt beschreiben, dazu gesellen sich auch (sexuelle) Abgründe. Eine Schulkrankenschwester entführt einen Schüler, die Mutter eines Kindes im Wachkoma verdingt sich mit einem Call-Boy und ein Schüler, der seine Nummer für Sexdienste an eine Toilettenwand schmiert, bringt all die Episoden wundersam zusammen. Am Ende gelingt Brauneis zwar seine Auflösung nicht zu einhundert Prozent, jedoch entwickelt er das präzise Abbild einer geschundenen österreichischen Seele, die sich in all seinen Figuren widerspiegelt. Niemals aber überschreitet der Regisseur die nahe Grenze zur Unglaubwürdigkeit. "Zauberer" ist eine schmale Gratwanderung zwischen Abgrund und - Abgrund.

Ebenfalls nahe am Abgrund wandelt der junge Wega-Aspirant Christoph (Laurence Rupp), als er bei einem Polizeieinsatz in Panik einen Mann (Michael Fuith) erschießt. Zwar verschafft ihm sein Vorgesetzter (Anton Noori) Deckung, und bei den Kollegen steigt er schnell zum Helden auf, innerlich zerfressen ihn aber die Bilder, die sich in seine Erinnerung eingebrannt haben. Stefan A. Lukacs gibt in "Cops" einen überraschend vielschichtigen Einblick in die Welt der Spezialeinheit Wega, bei der die sogenannten "harten Kerle" so hart nicht sind. "Cops" ist packend von der ersten bis zur letzten Sekunde, aber hier zählt nicht die Action, sondern die Psychologie. Bessere Polizeifilme können auch die Amis nicht machen.

Die Doku "Bruder Jakob, schläfst du noch?" von Stefan Bohun geht auf eine sensible Spurensuche nach dem durch Suizid verstorbenen Bruder. Seine Geschwister erörtern die Notwendigkeit von Trauer in nüchternen Bildern, die große Sogwirkung entfalten. Es ist die persönliche Verarbeitung eines Suizids in der Familie, und zugleich eine universelle: Trauer wirkt in allen Menschen gleich.





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2018-01-26 16:20:10
Letzte Änderung am 2018-01-26 17:05:48



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