"Über den Tellerrand blicken": Regisseur Bernhard Braunstein.
"Über den Tellerrand blicken": Regisseur Bernhard Braunstein.

Bernhard Braunstein ist ein bedachter Gesprächspartner, der lange Pausen macht, bevor er antwortet. Fast so, als wolle er sich möglichst weit distanzieren von der Unart mancher Menschen, andere zu unterbrechen. Der Salzburger hat seinen Dokumentarfilm "Atelier de conversation" (ab Freitag im Kino) über die Gespräche gedreht, die jede Woche in der Bibliothèque d’information im Centre Pompidou in Paris stattfinden. Dort treffen einander Banker und Studentinnen, Psychologinnen und Obdachlose aus allen Erdteilen, um in einem Sesselkreis 75 Minuten lang französisch zu sprechen. Sie diskutieren Frauenrollen, Ökonomie, Liebe oder Heimweh.

Er selbst sei 2009 nach Paris gezogen, ohne die Sprache zu sprechen, und habe das Atelier durch Zufall entdeckt, so Braunstein. "Ich bin als normaler Teilnehmer ein, zwei Jahre hingegangen und war fasziniert von dem Ort. Dort konnte ich zum ersten Mal sprechen, ohne Hemmungen zu haben, weil ich unter Gleichgesinnten war."


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Trotz oder gerade wegen der sprachlichen Einschränkungen kommen die Diskussionen ohne Umschweife zum Kern gesellschaftspolitischer Fragestellungen. "Das ist ein ganz entscheidender Aspekt", sagt Braunstein, "weil man limitiert ist und genau überlegt, was man sagt und wie man es tut. Gleichzeitig bedingt es ein sehr tolerantes und aufmerksames Gegenüber."

Wie ein Porträt des Landes

Für ein gelungenes Gespräch sei das Sprechen weniger entscheidend als das Zuhören. Denn Letzteres sei ein aktiver Akt: "Der springende Punkt ist die Bereitschaft, jemanden wirklich verstehen zu wollen. Das hat auch mit Zeit und Geduld zu tun." Deshalb zeigt Braunsteins Film häufig nicht die redende Person, sondern die Hörenden. Die Kamera stand in der Mitte des Sesselkreises. Braunstein: "Ich wollte schöne Porträts der Menschen machen, alle wurden mit dem gleichen Ausschnitt gefilmt. Das folgt der Idee des Ateliers, dass alle gleich angeschaut werden und es keine Wertungen gibt." Außerdem würden durch diesen Blickwinkel die Zuschauer "direkt angesprochen und Teil des Geschehens".

In Frankreich wurde der Film auf Festivals als ein Gegenwartsporträt des Landes aufgenommen. Wohl nicht zu Unrecht: Es halte den Franzosen einen Spiegel vor, findet Braunstein, wenn Menschen aus der ganzen Welt auf Französisch über ihre Erfahrungen, Ängste und Hoffnungen sprechen.

Entscheidend sei auch die Rolle des Moderators: "In Momenten, in denen die Meinungen stark aufeinanderprallen und Konflikte entstehen, kann der Moderator oder die Moderatorin die Leute schützen, damit niemand verletzt wird." Für Braunstein ist dies einer der Gründe, warum die Menschen in das Atelier kommen, "weil es eine kleine Insel ist, ein Ort, an dem man sicher ist. Die Stadt kann sehr brutal sein. Von Paris hat man die Vorstellung, dass es die Stadt der Liebe und des Lichts ist, es ist aber auch die Stadt der Gewalt, der Armut und des Stresses."

"Falsches Bild von Integration"

Erfunden wurde das Atelier de conversation 2012 von einer Bibliothekarin, um Menschen zu helfen, Französisch zu lernen. Nun zeigt es gelebte Integration: "Ich glaube, dass wir manchmal ein falsches Bild davon haben, was Integration ist. Wir denken, es wäre problematisch, wenn Leute, die aus verschiedenen Ländern kommen, unter sich bleiben. Das ist aber vor allem am Anfang überlebenswichtig. Weil es die einzige Möglichkeit ist, in irgendeiner Form zu kommunizieren, Fuß zu fassen und auf ein Netzwerk zurückzugreifen. Sonst bist du verloren, wenn du die Sprache nicht kannst. Von den Menschen zu erwarten, dass sie vollkommen autonom in einem fremden Land funktionieren und sich sofort integrieren können, ist eine Illusion."

Braunstein will mit seinem Film Verständnis dafür wecken: "Ich glaube, es wird heute grundsätzlich immer wichtiger, dass wir über den Tellerrand hinausschauen. Ich bin vollkommen gegen diese Tendenzen, die ich immer stärker spüre, dass die Leute wieder in Nationalismen zurückrutschen und in die Lederhosen hüpfen. In Wahrheit verlangt die Realität das Gegenteil: sich öffnen, neugierig werden und Sprachen lernen."