Ein geplantes Biopic über das Leben von "Playboy"-Gründer Hugh Hefner ist vorerst auf unbestimmte Zeit verschoben, vor allem, weil Brett Ratner es inszenieren sollte. Der Regisseur wurde von sechs Frauen der sexuellen Belästigung bezichtigt. Auch abseits des Mainstreams werden die kleineren Independent-Studios angesichts der Stimmung nervös. Der Film "Zola Tells All", zu dem Anfang Februar die Dreharbeiten beginnen sollten, wurde auf Eis gelegt; die Produktion des ebenfalls der sexuellen Belästigung bezichtigten James Franco hätte die Story einer 15-jährigen russischen Prostituierten zum Inhalt gehabt.

Alles Beispiele, wie das Thema durch massiven gesellschaftlichen Druck direkten Einfluss auf künstlerische Arbeit nimmt. Bevor sich Autoren, Regisseure oder Schauspieler durch gewagte Inhalte im Null-Toleranz-Klima angreifbar machen, weil man sie eventuell missverstehen könnte, sagen sie lieber gar nichts. Mitunter eine gefährliche Entwicklung.

Die Zurückhaltung in Bezug auf Sex und Erotik im Kino ist keineswegs neu, sie ist nur erst durch Weinstein ins Scheinwerferlicht geraten. Schon seit Jahren aber knobelt die Traumfabrik an neuen Konzepten für neue Märkte, denn viele der etablierten Erzählmuster, Genres oder Geschichten funktionieren immer weniger, sowohl daheim in den USA als auch im für Hollywood so wichtigen "Rest der Welt". Vor allem die Märkte in China oder Indien haben ein Problem mit Sex auf der Leinwand. In beiden Ländern, die als die wichtigsten Zukunftsmärkte für US-Filmware gelten, wurden die "Fifty Shades"-Filme nicht veröffentlicht, und auch in vielen weiteren Ländern ist Sex aus zumeist religiösen Gründen im Kino unerwünscht. Hollywood aber braucht keine Ladenhüter, die bestenfalls als illegale Streams unter der Hand weitergereicht werden.

Fix ist, dass die unabhängig finanzierten Filme "I Am Chippendales" mit Ben Stiller und Dev Patel sowie "Russ & Roger Go Beyond" ohne das große Budget der Studios auskommen müssen. Deren Storys sind schlicht zu direkt mit dem Thema Sex verknüpft. Dabei schrauben diese Projekte ein wenig an der allerorts angeprangerten Scheuklappen-Männersicht auf die Welt und stellen die Frauen ins Zentrum: "I Am Chippendales" wird die Geschichte der bekannten Striptease-Tänzer erzählen, die den ersten Strip Club rein für Frauen gründeten. Und "Russ & Roger" handelt von der Freundschaft zwischen Filmkritiker Roger Ebert und Sexploitation-Regisseur Russ Meyer, der vielen als Feminist galt, weil die großbusigen Frauen in seinen Filmen starke Charaktere waren, die den Männern nicht unterlagen.

Das ist für Beobachter überhaupt die Rettung des am Boden liegenden Erotikgenres: Sobald die Frauen das Sagen haben, gelten die Plots nach wie vor als machbar. Ein Film wie "Basic Instinct" (1992), der die Machtumkehr zwischen Männern und Frauen zelebrierte, indem er Sharon Stone einen Eispickel zum Fuchteln in die Hand gab und ihre dominanten Sex-Eskapaden ihren männlichen Counterpart Michael Douglas in den Wahnsinn trieben, steht heute wie ein Vorbote da für einen neuen Umgang mit Sex im Film. Regisseur Paul Verhoeven hat keineswegs aufgehört, sich mit dem Thema Sex zu befassen. Erst 2016 legte er mit "Elle" eine brutale Vergewaltigungs-Orgie nach, in der Isabelle Huppert als Opfer auf der eiskalten Jagd nach ihrem Peiniger fortwährend erstarkt.