Vivianne Robinson ist nach eigenen Angaben Oscars größter Fan und schafft es dank ihres Outfits immer wieder in die Fotodatenbanken der großen Nachrichtenagenturen. - © afp/Mark Ralston
Vivianne Robinson ist nach eigenen Angaben Oscars größter Fan und schafft es dank ihres Outfits immer wieder in die Fotodatenbanken der großen Nachrichtenagenturen. - © afp/Mark Ralston

Der wichtigste Seismograph für die Befindlichkeit in Hollywood war einst die Oscar-Verleihung, bei der sich Hollywood so darstellte, wie es sich sah: Jung, attraktiv, erfolgreich und vor allem - weiß. Doch die Zeiten, in denen dieses Bild widerspruchslos hingenommen wurde, sind im Grunde lange vorbei. Seit diesem Jahr aber endgültig. Denn nach Weinstein und seinem Ausschluss aus der Oscar-Academy, nach #metoo und #timesup und #paygap ist es schwer für die Academy, so zu tun, als wäre nichts geschehen.

Im Vorfeld der 90. Oscar-Verleihung am 4. März überschlagen sich die Entwicklungen: Kein Tag vergeht, an dem nicht ein Prominenter sexueller Übergriffe bezichtigt wird - zuletzt TV-Moderator Ryan Seacrest, ein Superstar unter den Interviewern, der für den Showbiz-Sender "E!" alljährlich die Oscar-Stars auf dem roten Teppich befragt. Seit ihm seine Stylistin massive sexuelle Übergriffe vorgeworfen hat, muss Seacrest fürchten, dass die Stars am Red Carpet heuer wortlos an ihm vorüberschreiten.


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Hollywood steckt in einer hochsensiblen Situation, bei der jederzeit irgendwo die nächste "Bombe" platzen könnte; niemand kann mehr sicher sein, denn lediglich die Behauptung eines sexuellen Vergehens genügt schon, um Karrieren zu vernichten. Egal, ob es um sexuellen Missbrauch, um die Unterrepräsentanz schwarzer Nominierter oder um die ungleiche Bezahlung der Geschlechter geht: Die Oscar-Nacht und Moderator Jimmy Kimmel werden diese Themen von allen Seiten reflektieren, die Show dürfte so brisant und spannend werden wie lange nicht.

So überraschend wie der erste Schnee für die Autofahrer

Die Probleme sind lange bekannt, scheinen die Oscar-Veranstalter aber ungefähr so unerwartet zu treffen wie der alljährliche erste Schnee die Autofahrer: Man weiß, dass er kommt, aber eben nicht wann. Die Lawinen, die derzeit abgehen, hat man unterschätzt; sie sind der Ausdruck einer in politisch zugespitzten und radikaler werdenden Zeiten stattfindenden Gegenwehr gegen Konventionen, Sitten, Ungerechtigkeiten - und Verbrechen. Sie sind deshalb so radikal und spitz, weil man sie sonst gar nicht wahrnehmen würde.

Die Oscar-Verleihung wird von einer Milliarde Menschen gesehen und ist eigentlich eine Unterhaltungssendung. Und doch wird sie (nicht zum ersten Mal) zur Bühne für Abgründe und Verfehlungen der (westlichen) Welt. Und trotzdem wird man am Ende das Gefühl haben, eine perfekt inszenierte Hollywood-Show gesehen zu haben, mit tollen Kleidern, edlen Klunkern, weinerlichen Dankesreden und einer Selbstbeweihräucherung des Kinos als magischem Platz der Illusion.