• vom 03.03.2018, 08:00 Uhr

Film


Oscar

Oscar ist nicht umsonst ein Mann




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Allerorts wird derzeit versichert, die Oscar-Academy habe sich bewusst verjüngt, um vom Image der Altherren-Partie wegzukommen. Zu den mehr als 7000 Mitgliedern, die die Oscars vergeben, zählen etwa auch jüngere Semester wie "Wonder Woman"-Darstellerin Gal Gadot, "Twilight"-Aktrice Kristen Stewart oder der schwarze Regisseur Barry Jenkins, alle weit unter 40. Nach dem #OscarsSoWhite-Debakel von 2013, als kein einziger Schwarzer in den Schauspielerkategorien nominiert war, hat die ebenfalls schwarze Academy-Präsidentin Cheryl Boone Isaacs alle Hebel in Bewegung gesetzt, um Änderungen zu erzwingen. Zwischen 2015 und 2017 stieg der Anteil der Frauen, die zu einer Mitgliedschaft eingeladen wurden, um 360 Prozent, jener der Farbigen um 330 Prozent. 2017 waren 39 Prozent der Eingeladenen Frauen, 30 Prozent Farbige. Und viele Sparten luden mehr Frauen ein als Männer, etwa die Schauspieler oder die Schnittmeister.

Fürs Gewissen ist das alles toll. Und auch wenn die meisten Filme in diesem Jahr wieder hauptsächlich von weißen Männern gedreht, gespielt oder produziert wurden, so ergibt sich dennoch ein verändertes Bild: Der meistnominierte Film des Jahres, "The Shape of Water" mit 13 Nominierungen, der damit sogar die All-Time-Highs von je elf Oscars der Filme "Ben Hur", "Titanic" oder "Herr der Ringe 3" toppen könnte, stammt von einem Mexikaner: Guillermo del Toro, dessen Lovestory zwischen einer stummen Putzfrau und einem außerirdischen Amphibienwesen ordentlich jegliche Randgruppen pusht, ist noch dazu bekennender Trump-Gegner - ein Umstand, der ihm in der zumindest in ihrer Trump-Skepsis geeinten Hollywood-Branche einen entscheidenden Vorteil bringen könnte.

Immerhin sind mit dem Kriegsfilm "Dunkirk", dem Homosexuellen-Drama "Call Me By Your Name", dem Polit-Drama "Die Verlegerin", dem verstörenden Provinzdrama "Three Billboards Outside Ebbing, Missouri" oder dem subversiv-satirischen "Get Out" mit dem schwarzen Daniel Kaluuya, der als bester Darsteller nominiert ist, auch sonst eher die Filme in vorderster Reihe nominiert, die man noch vor wenigen Jahren als nicht mehrheitsfähig eingestuft hätte. Man könnte ganz naiv auch sagen, dass es sich dabei eben um die besten Arbeiten des Jahres handelt, aber so einfach funktioniert Hollywood nicht; es muss immer auch politisch gedacht werden, und heuer will man ganz besonders nirgends anecken, oder eine Minderheit übersehen.

Im Grunde ist die schon durch ihre schiere Mitgliederzahl behäbige Academy eine der konservativsten Vereinigungen, die Amerika zu bieten hat; die Abfeierung des Kinos passiert hier optisch wie inhaltlich stets mit getragenem Score und schwerer Kulisse, alles sieht aus wie in einem opulenten Film aus Hollywoods goldenem Zeitalter, man zimmert am eigenen Mythos. Und der wurde nun einmal von alten, weißen Männern begründet, von den alten Moguln, den Studiobossen mit ihren dicken Zigarren, die "me too" höchsten gerufen hätten, wenn es um die Bestellung eines Scotch on the Rocks an der Hotelbar ging. Oscar ist nicht umsonst ein Mann. Hollywood hat immer auch die US-Gesellschaft reflektiert, oder besser: ihre Eliten. Und daher ist es kaum verwunderlich, dass sich Frauen, Schwarze, Minderheiten oder Behinderte hier immer schwertaten und es bis heute tun.

Deshalb muss die Filmindustrie substanzieller verändert werden als bisher. Die Anklageschrift enthält vier wesentliche Punkte: 25 Prozent aller Filme, die sich für die Oscars qualifizieren, werden alljährlich von Frauen gemacht. Auch, wenn diese Zahl erschreckend gering ist - bei den Oscars ist sie noch geringer: Erst fünf (!) Mal war eine Frau als beste Regisseurin nominiert, erst einmal (2009) hat eine gewonnen: Kathryn Bigelow bekam den Oscar damals für "The Hurt Locker". Heuer hat die Academy wieder die Chance, und zwar dank "Love Bird" von Greta Gerwig.

Noch schlimmer ist Anklagepunkt Nummer zwei: Noch nie hat ein schwarzer Regisseur den Oscar in dieser Kategorie gewonnen, auch hier waren erst fünf Schwarze nominiert, heuer hat Jordan Peele für "Get Out" die Chance. Sidney Poitier brach 1963 das Eis, als er der erste Schwarze überhaupt war, der einen Oscar gewann (als Hauptdarsteller in "Lilies of the Field"). Was kaum jemand weiß: 1967, am Höhepunkt des "Civil Rights Movement", spielte Poitier zwei seiner besten Rollen ("In the Heat of the Night" und "Guess Who’s Coming to Dinner") - und wurde von der Academy nicht einmal nominiert. Ein Schelm, wer Böses denkt...

Michelle Williams mit
1000 Dollar abgespeist

Punkt drei: Die Zahl der weiblichen Oscar-Präsentatorinnen hält sich immer noch in engen Grenzen. Punkt vier: Die Gehaltsschere zwischen männlichen und weiblichen Stars ist besonders krass: Der Nachdreh zu "All the Money in the World" von Ridley Scott, der nötig wurde, weil Kevin Spaceys Part wegen dessen mutmaßlichen sexuellen Übergriffen herausgeschnitten wurde, brachte einen Skandal zutage: Während Mark Wahlberg für die zusätzlichen Drehtage 1,5 Millionen Dollar Gage erhielt, speiste man Co-Star Michelle Williams mit 1000 Dollar ab.

An der Kinokasse geht indes der wahre Wandel vor sich: Dort beherrscht seit drei Wochen der erste Marvel-Film mit einem schwarzen Superhelden die Charts: "Black Panther" wird mit bisher 700 Millionen Dollar Einspiel gerade zum Filmhit des Jahres. Angeblich soll der Film besonders unter weißen, männlichen Teenagern erfolgreich sein. Na also, geht doch.


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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-03-02 16:14:37
Letzte Änderung am 2018-03-02 16:41:49


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