• vom 12.03.2018, 16:14 Uhr

Film

Update: 17.03.2018, 21:43 Uhr

Diagonale

Er kann sich an nichts erinnern




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Von Matthias Greuling

  • Das Filmfestival Diagonale beginnt mit einem Film zur NS-Vergangenheit.

Karl Fischer spielt Franz Murer in Christian Froschs Diagonale-Eröffnungsfilm "Murer - Anatomie eines Prozesses".

Karl Fischer spielt Franz Murer in Christian Froschs Diagonale-Eröffnungsfilm "Murer - Anatomie eines Prozesses".© Filmladen Karl Fischer spielt Franz Murer in Christian Froschs Diagonale-Eröffnungsfilm "Murer - Anatomie eines Prozesses".© Filmladen

Graz. Auch die Diagonale, das Festival des österreichischen Films, stellt im Gedenkjahr aller möglichen historischen Untaten Filme zum Thema aus: Zur Eröffnung des Festivals, die heute in Graz stattfindet, steht die Premiere von Christian Froschs Gerichtsdrama "Murer - Anatomie eines Prozesses" auf dem Programm. Frosch rollt dabei akribisch auf, was sich in den Tagen zwischen 10. und 19. Juni 1963 in einem Grazer Gerichtssaal zugetragen hat, als mit dem NS-Verbrecher Franz Murer ein damals angesehener Bauernvertreter vor Gericht stand - und am Ende freigesprochen wurde. Oft wurde dieser Freispruch der größte Justizskandal der Zweiten Republik genannt, denn Murer war verantwortlich dafür, dass die jüdische Bevölkerung im damaligen Wilna zwischen 1941 und 1943 von 80.000 auf rund 700 dezimiert wurde; ungeniert behauptet Murer vor Gericht, er könne sich an nichts erinnern, es gäbe eine Verwechslung um seine Person. Auch Simon Wiesenthal (im Film gespielt von Karl Markovics), der den Prozess gegen Murer angestoßen hatte, muss am Ende damit klarkommen, dass zu jener Zeit mit NS-Verbrechern oft unfassbar milde umgegangen wurde.

Österreich war lieber Opfer

Information

Diagonale - Festival des österreichischen Films von 13. bis 18. März in Graz. Alle Infos zum Programm unter www.diagonale.at.

"Der Murer-Prozess ist einerseits exemplarisch und doch besonders, weil sich Politik und Medien dabei besonders übel verhalten haben", so Christian Frosch über die Vorbereitungen zur Verfilmung. "Ein dokumentarisches Aufarbeiten des Themas bot sich mangels lebender Zeugen und Bildmaterial nicht an, und so begann ich, mich langsam und mit viel Skepsis mit der Idee des Gerichtsfilms anzufreunden."

"Murer - Anatomie eines Prozesses", ab kommendem Freitag regulär in den Kinos zu sehen, geht mit großer Sorgfalt an die Sache und arbeitet sich konsequent bis zum beklemmenden Finale durch. Der Film fordert durch seinen großen Sprachanteil, davon auch etliche Zeugen, die Jiddisch sprechen, die ganze Aufmerksamkeit des Zusehers, belohnt ihn aber mit der schonungslosen Kenntnis der umfassenden Bemühungen Nachkriegs-Österreichs, stets als Hitlers erstes Opfer dazustehen, und nicht als Täter.

In diesem Zusammenhang passt auch die bei der Berlinale soeben mit dem Dokumentarfilmpreis ausgezeichnete Arbeit "Waldheims Walzer" von Ruth Beckermann, die darin mit Archiv-Aufnahmen aus dem ORF Kurt Waldheims Präsidentschaftswahlkampf von 1986 rekonstruiert - und dekonstruiert, weil sie darin die gleichen Mechanismen sichtbar macht, die auch "Murer" offenlegt.

Die Diagonale 2018 hat aber auch noch andere Höhepunkte zu bieten: Gleich zum Auftakt bekommt Ingrid Burkhard den Großen Diagonale Schauspielerpreis verliehen, mit dem sich die Filmschau vor der Leistung der inzwischen 86-jährigen Wiener Schauspielerin verneigt. Elfriede Jelinek gibt in "Die Steiermark hasse ich am allerwenigsten" das erste Video-Interview seit der Verleihung des Nobelpreises 2004. Mit "L’Animale" von Katharina Mückstein wird ein Coming-of-Age-Drama seine Österreich-Premiere erleben, nachdem die Welturaufführung bei der Berlinale stattfand. Mit "Cops" von Stefan A. Lukacs ist ein packender Polizei-Film über Wega-Beamte im Programm, Sebastian Brauneis steuert den Episodenfilm "Zauberer" bei, an dessen Drehbuch Burg-Star Nicholas Ofczarek mitschrieb. Dieser wird im Rahmen eines Script-Workshops in Graz anwesend sein. Erwartet wird auch die iranische Künstlerin Shirin Neshat, die "Looking for Oum Kulthum" präsentieren wird.

666 Rollen Super-8-Film

Ein Sonderprogramm der Diagonale widmet sich unter dem Titel "Kein schöner Land" tiefen Einblicken in die österreichische Provinz. Hier kommt die Vorschau auf ein gigantisches Projekt zur Aufführung: Nach zwei Jahren Vorbereitung verfilmte das Nature Theater of Oklahoma während 28 Tagen im "steirischen herbst" Elfriede Jelineks Roman "Die Kinder der Toten" - besetzt ausschließlich mit Laiendarstellern und gedreht in den obersteirischen Kindheitsorten der Autorin. Insgesamt 666 Rollen Super-8-Film wurden belichtet und werden derzeit geschnitten. Die Doku "Die Untoten von Neuberg" von Ulrich A. Reiterer begleitete die Dreharbeiten.

Diagonale'18-Trailer from Diagonale Film Festival on Vimeo.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-03-12 16:17:58
Letzte Änderung am 2018-03-17 21:43:14


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