• vom 13.03.2018, 16:02 Uhr

Film

Update: 16.03.2018, 06:50 Uhr

Katharina Mückstein

"Niemanden ‚einkastln‘"




  • Artikel
  • Lesenswert (12)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Matthias Greuling

  • Diagonale: Jung-Regisseurin Katharina Mückstein über neue Geschlechterrollen im Kino.

Katharina Mückstein inszenierte das Coming-of-Age-Drama "L’Animale".

Katharina Mückstein inszenierte das Coming-of-Age-Drama "L’Animale".© Katharina Sartena Katharina Mückstein inszenierte das Coming-of-Age-Drama "L’Animale".© Katharina Sartena

Graz. Rotzfreche Göre oder selbstbestimmte junge Frau? Ein bisschen was von beidem: Mati ist ein Mädchen, das ziemlich burschikos wirkt. Mit den Buben um sie herum gibt es zur Begrüßung Faustschläge statt Bussis. Die Haare im Nacken rasiert sie sich gerne ab, und am liebsten fährt sie mit dem getunten Moped.

Sophie Stockinger interpretiert diese Figur an der Schwelle zum Erwachsenwerden sehr natürlich, fast wie selbstverständlich, als müsste sie sie gar nicht spielen. Mati ist die Heldin von "L’Animale", dem neuen Coming-of-Age-Drama von Jung-Regisseurin Katharina Mückstein ("Talea"), das am Mittwoch bei der Diagonale in Graz seine Österreich-Premiere feiern wird, nach der Weltpremiere bei der Berlinale.

Keine ausgetretenen Pfade

Mati wird im Verlauf des Films prägende Erfahrungen machen, aber auch ihr Umfeld, die Eltern, die Freunde, fühlen sich hin- und hergerissen in einem Gefühlsstrudel zwischen Verlangen und Leidenschaft. Es ist in diesem Film, als würde die Pubertät nie enden. Permanent brechen die Figuren in diesem sensiblen Drama in alle möglichen Richtungen aus.

Deshalb, so Regisseurin Mückstein, Jahrgang 1982, trägt der Film auch seinen Titel. "Ich hatte das Sujet des wilden Tieres von Beginn im Kopf, weil ich denke, dass wir das Tier in uns viel öfter herauskommen lassen sollten", sagt die Regisseurin im Gespräch. "Mit dem Tier in uns meine ich etwas Intimes, etwas Authentisches, Unverstelltes. Den Film verstehe ich auch als einen Aufruf, Mut zur Emanzipation zu haben, als Einzelperson, aber auch als Gesellschaft, neue Wege zu beschreiten und nicht so viel Angst davor zu haben, was andere von einem denken." Das führt "L’Animale" eindrucksvoll vor, etwa wenn sowohl Vater als auch Tochter damit liebäugeln, sexuell das "Ufer zu wechseln". Mückstein: "Was die sexuellen Identitäten der Figuren angeht, oder auch die Geschlechteridentitäten, wollte ich mich genau diesen Identitäten entziehen. Keine Figur sollte eindeutig schwul oder hetero sein. Es braucht diese Einteilungen nicht, wir müssen unser Gegenüber nicht immer ‚einkastln‘, damit wir uns sicher fühlen und wissen, wie wir miteinander umgehen sollen."

Diese Spannungsfelder verwandelt Mückstein dank Entschleunigung und unmittelbarer Bilder (Kamera: Michael Schindegger) in ein Plädoyer für mehr Mut, gegen Konventionen aufzutreten: "Ich wollte einen Film machen, der spannend ist und rasant", sagt die Regisseurin. "Zugleich habe ich auf allen Ebenen die Gewohnheiten hinterfragt. Ich finde gefühlvolle Bilder im Kino immer schön, zugleich wollte ich keine ausgetretenen Pfade gehen. Ich wollte mit den Sehgewohnheiten brechen."

Mückstein ist nicht nur Regisseurin, sondern auch Produzentin von "L’Animale". Gemeinsam mit drei Filmschaffenden gründete sie 2010 "La Banda Film". Ihre bisherigen Erfahrungen fasst sie so zusammen: "Das System, in dem wir arbeiten, macht nur selten eine Tür auf für junge Produktionsfirmen, es wird stark daran gearbeitet, Türen gut verschlossen zu halten. Das ist schade, denn ich glaube, dass wir in Zukunft kleinere, flexiblere Strukturen in der Produktionslandschaft brauchen, um wendiger zu sein, weil es die riesigen Apparate von großen Firmen gar nicht mehr braucht, um tolle Filme zu machen." Und auch althergebrachte Strukturen und Klischees wie den typischen, männlichen Filmproduzenten nicht: "Ich bin froh, dass die Schräglage der Geschlechterverhältnisse in der Unterhaltungsindustrie nun dank MeToo thematisiert wird. Es zeigt sich, dass eine Ära angebrochen ist, in der Frauen, insbesondere aus meiner Generation, sich das nicht mehr gefallen lassen wollen", so Mückstein, die daraus auch eine Parallele zu "L’Animale" zieht: "Als Gesellschaft - und darum geht es auch in meinem Film - stehen wir jetzt an einem Scheideweg, an dem wir uns entscheiden können, uns zu öffnen und faire Verhältnisse für alle zu schaffen, oder zurück zu den konservativen Werten zu gehen und Männer gegen Frauen auszuspielen oder Opfer zu Tätern zu machen. Ich bin für Ersteres, und überzeugt, dass wir auf dem richtigen Weg sind."





Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-03-13 16:05:46
Letzte Änderung am 2018-03-16 06:50:14


Cops

Cop mit Gewissen

Polizisten unter sich: Bei komplizierten Einsätzen gerät man gelegentlich auch aneinander. - © Filmladen Das nervöse Gefühl in der Bauchgegend bleibt. Es zeigt die Angst vor der Verantwortung und die innere Überzeugung, etwas Falsches getan zu haben... weiter




Filmkritik

Wurzeln, wo man Platz findet

Jeder in der Region hat zum geplanten Maschendrahtzaun eine Meinung. - © Filmladen Ein Maschendrahtzaun von mehreren hundert Metern. Zusammengerollt gelagert in einem Container am Brenner. Er wurde eigens angefertigt... weiter




Komödie

Kot-Witze und Morgan Freeman

Blöd in Pailletten: Kate McKinnon und Mila Kunis. - © Constantin Audrey (Mila Kunis) wird von ihrem Freund verlassen, der sich rückwirkend als Spion entpuppt. Für ihn muss sie eine Trophäe nach "Europa" bringen... weiter





Werbung



Kommentar

Gehen Hamster und Krake auf ein Rave

Dieser Tage erfuhr der wissenschaftsinteressierte Mensch: Ecstasy macht Oktopusse sozialer. Das ist beachtlich, wirft aber Fragen auf... weiter





Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Fifty Shades of Crash
  2. Leben lernen
  3. Effekthascherei
  4. Starke Frauen kennen keine Tabus
  5. Femina rächt sich
Meistkommentiert
  1. Walter Hämmerle wird
    "WZ"-Chefredakteur
  2. "Wiener Zeitung"-Geschäftsführer will "Gas geben"
  3. Drama um Daniel Küblböck
  4. Punkt! .
  5. "Beleidigen ist zum guten Ton geworden"

DVD & Bluray

The 100, Staffel 4

- © Warner Weil die Atomreaktoren auf der Erde schmelzen und bald ein Inferno auslösen werden, fragen sich die Überlebenden, wofür sie angesichts des nahenden... weiter




DVD & Bluray

Berlin Falling

- © Warner Der Ex-Elitesoldat Frank kann seine Kriegserlebnisse nicht abschütteln und dröhnt sich zwecks Vergangenheitsbewältigung mit Alkohol zu... weiter





Tilda Swinton in einem Haute Couture Kleid des Designers Schiaparelli - das sich sogar in den Schuhen und Handschuhen optisch fortsetzt.

Gruppenbild der Jury: Präsident Guillermo del Toro (4.v.l.) gewann im Vorjahr den Goldenen Löwen für "The Shape of Water". Ganz links Venedig-Chef Alberto Barbera im Gespräch mit Christoph Waltz, ganz rechts:Biennale-Präsident Paolo Barratta. Werbung für Die Single "Baby I Love You" im Magazin Billboard 1959.

Sean Godwells Entwurf einer Kapelle erinnert beim ersten Auftritt des Vatikans auf der Architekturbiennale in Venedig auf den ersten Blick an einen aufklappbaren Würstelstand. Shepard Fairey vor seinem Mural am Wiener Flughafen.

Quiz




Werbung