Wien. Der Regisseur und Videokünstler Gustav Deutsch ist der Archäologe des österreichischen Kinos. Auch für sein neues Filmprojekt "So leben wir - Botschaften an die Familie" hat er in den Archiven Schätze gehoben: Home Movies, als filmische Botschaften von ausgewanderten Familien aus der Fremde in die Heimat. Wer Deutsch fragt, was Home Movies sind, bekommt eine recht einfache Antwort: "Aufnahmen, die von nicht-professionellen Filmschaffenden gemacht wurden." Gerade darin, dass Home-Filmemacher nicht wirklich wüssten, was sie tun, liegt für ihn die Faszination. Denn Home Movies aus der Anfangszeit des Films erlauben es, den Menschen noch ganz unverdorben beim Sehen zuzuschauen. Darin, wie sie das Medium erproben, erinnern sie Deutsch an die Pioniere des Films, die Gebrüder Lumière.

Die Heimat in der Fremde

Deutsch hat sich gemeinsam mit seiner Partnerin Hanna Schimek durch die Archive gewühlt auf der Suche nach Home Movies aus der Fremde, "die als Botschaft zwischen Familien entstanden sind, die nicht zusammen leben". Zwar habe jedes Archiv Home Movies, diese sind aber die Mauerblümchen des Films. Deutsch: "Sie sind nicht immer sehr gut bewahrt, geschweige denn digitalisiert. Das heißt, Home Movies zählen noch immer nicht zum Kanon der Filmgeschichte."

Positive Antworten auf seine Anfragen bekam er dann vor allem aus Filmarchiven in Ländern, die in den 20er Jahren Kolonien hatten. Damals sandten Familien aus Indien oder Pakistan Filme nach Hause, um Verwandten ihr neues Leben zu zeigen. Wie zum Beispiel die Familie Sanders aus den Niederlanden: In ihrem Film von 1935 heißt es: "Die Bediensteten der Familie Sanders sind immer fleißig", als eben diese sich auf Sumatra vor der Kamera aufstellen.

Wenn man "So leben wir" auf dem "wir" betont, so Deutsch, impliziere es, woanders leben die Menschen anders: "Das kommt einem natürlich in den Sinn, wenn man verschiedene Home Movies von Menschen aus anderen Ländern sieht, die vielleicht zu Hause ein nicht so sicheres Leben führten und weggehen mussten. Das Weggehen ist meistens mit schmerzhaften Erfahrungen verbunden, das müssen gar nicht so traumatische Erfahrungen sein, wie bei den großen Flüchtlingsbewegungen. Es reichen ja schon existenziell bedrohliche Gründe, wie die Tatsache, dass ich keine Arbeit finde."

So wie bei Familie Melchiore aus Mailand, die Deutsch in seinem Film porträtiert. Aus einfachen Verhältnissen stammend, gingen sie in den 70er Jahren in die Schweiz, damit der Vater in einer Fabrik arbeiten konnte, die Plastiksäcke herstellte.