• vom 11.04.2018, 07:00 Uhr

Film

Update: 11.04.2018, 10:54 Uhr

Film

Einfach kompliziert: Auf den Spuren von Thomas Bernhard




  • Artikel
  • Kommentare (2)
  • Lesenswert (15)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Petra Paterno

  • "Der Bauer zu Nathal" zeigt, wie die Gemeinde Ohlsdorf heute mit ihrem berühmtesten Dorfbewohner umgeht.

Zwischen Klassikerverehrung und Nestbeschmutzung: Thomas Bernhards Haus in Ohlsdorf, Bernhard-Kritiker Josef Windischbauer (Bild rechts oben) und der Bernhard-Freund, der Kirchenwirt Josef Fürtbauer. - © Katharina Sartena

Zwischen Klassikerverehrung und Nestbeschmutzung: Thomas Bernhards Haus in Ohlsdorf, Bernhard-Kritiker Josef Windischbauer (Bild rechts oben) und der Bernhard-Freund, der Kirchenwirt Josef Fürtbauer. © Katharina Sartena

Thomas Bernhard ist am 12. Februar 1989 in seiner Gmundner Wohnung an Herzversagen gestorben, drei Tage nach seinem 58. Geburtstag, drei Monate nach der Uraufführung von "Heldenplatz" am Wiener Burgtheater. Jener Theaterabend löste einen beispiellosen Skandal aus, der die gesamte Republik erfasste. Dieser Bühnentriumph war spektakulärer Schlusspunkt einer langen Reihe von Aufregungen rund um Thomas Bernhard, der wie kaum ein anderer die Österreicher polarisierte.

Nestbeschmutzer für die einen, Sprachrohr der anderen. Vom Präsidenten bis zum Taxi-Fahrer, jeder hatte seinerzeit eine explizite Meinung zu Thomas Bernhard. Seine Romane und Theaterstücke verdeutlichen, wie viel Sprengstoff bedrucktem Papier innezuwohnen vermag. Wie ist es heute, bald 30 Jahre nach seinem Tod, um den Dichter bestellt?

Auf den ersten Blick wird dem Autor eine fast schon übertriebene Verehrung und Klassikerliebe entgegengebracht, wurde er einst so heftig attackiert, gilt er nunmehr als sakrosankt. Das verdeckt aber nur, dass er vielerorts nach wie vor auf Ablehnung stößt. Diese ambivalente Haltung gegenüber dem großen österreichischen Schriftsteller deckt der Dokumentarfilm "Der Bauer zu Nathal" auf vielfältige Weise auf. "Der Film ist bewusst auf Kontraste aufgebaut", sagt Matthias Greuling. Der Filmkritiker der "Wiener Zeitung" hat gemeinsam mit dem Ö1-Journalisten David Baldinger den Film realisiert, der nach der Uraufführung in Oberösterreich nun im Wiener Stadtkino und demnächst in Graz zu sehen ist. Finanziert wurde der Film allein über Crowdfunding. "Wir konnten 15.000 Euro lukrieren und damit zumindest die Produktionskosten decken. Das war mehr, als wir erhofften, daran lässt sich ablesen, welche Bedeutung der Name Thomas Bernhard hat", sagt Greuling und fährt fort: "Uns interessierte, wie eine agrarisch orientierte Landgemeinde wie Ohlsdorf mit dem zentnerschweren Erbe umgeht."

Bösartig und vernichtend

Da Baldinger aus Ohlsdorf stammt und als Nachbar des Schriftstellers aufwuchs, gelang es den beiden Filmemachern, mit den Dorfbewohner unverstellt ins Gespräch zu kommen.

Zu Wort kommt etwa eine junge Dorfbewohnerin, die freimütig erklärt, noch nie eine Zeile des berühmten Schriftstellers gelesen zu haben, oder ein Heimatbuchautor, der gesteht, wie schwer er sich mit der Bernhard-Lektüre tue, hingegen sprechen Schauspielerinnen wie Sunnyi Melles und ORF-Anchorman Tarek Leitner über ihre Bernhard-Begeisterung.

1965 kaufte Bernhard den Vierkanthof in Ohlsdorf vom ehemaligen Immobilienhändler Ignatz Hennetmair. Er war mit Bernhard befreundet, bis er sich mit ihm überwarf, was ihn nicht daran hinderte, 2000 seine Erinnerungen in dem Band "Ein Jahr mit Thomas Bernhard" herauszubringen. Im Film erfährt man auch, dass Bernhard damals den Nachbarn um nur 5000 Schilling überboten hatte, was freilich zu einer lebenslänglichen nachbarschaftlichen Verstimmung führte. Den Landsitz, von Bernhard als "Denk- und Schreibkerker" bezeichnet, beschrieb der Autor einmal so: "Obernathal Nummer zwei, dreißigmaldreißig Meter, aus Stein gedeckt, mit größeren und mit kleineren Stallungen für das Rindsvieh, die Schweine und das Geflügel, mit Stadel und Scheune, Selchkammer unter dem Dach und drei Mostkellern unter der Erde."




weiterlesen auf Seite 2 von 2




Schlagwörter

Film, Thomas Bernhard

2 Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-04-10 16:00:12
Letzte Änderung am 2018-04-11 10:54:01


Cops

Cop mit Gewissen

Polizisten unter sich: Bei komplizierten Einsätzen gerät man gelegentlich auch aneinander. - © Filmladen Das nervöse Gefühl in der Bauchgegend bleibt. Es zeigt die Angst vor der Verantwortung und die innere Überzeugung, etwas Falsches getan zu haben... weiter




Filmkritik

Wurzeln, wo man Platz findet

Jeder in der Region hat zum geplanten Maschendrahtzaun eine Meinung. - © Filmladen Ein Maschendrahtzaun von mehreren hundert Metern. Zusammengerollt gelagert in einem Container am Brenner. Er wurde eigens angefertigt... weiter




Komödie

Kot-Witze und Morgan Freeman

Blöd in Pailletten: Kate McKinnon und Mila Kunis. - © Constantin Audrey (Mila Kunis) wird von ihrem Freund verlassen, der sich rückwirkend als Spion entpuppt. Für ihn muss sie eine Trophäe nach "Europa" bringen... weiter





Werbung



Kommentar

Gehen Hamster und Krake auf ein Rave

Dieser Tage erfuhr der wissenschaftsinteressierte Mensch: Ecstasy macht Oktopusse sozialer. Das ist beachtlich, wirft aber Fragen auf... weiter





Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Am Ende wartet die Hölle
  2. Die Saloon-Türen schwingen wieder
  3. "Beleidigen ist zum guten Ton geworden"
  4. Fifty Shades of Crash
  5. "Ich fühle mich wie ein Kind"
Meistkommentiert
  1. Walter Hämmerle wird
    "WZ"-Chefredakteur
  2. Drama um Daniel Küblböck
  3. Punkt! .
  4. "Wiener Zeitung"-Geschäftsführer will "Gas geben"
  5. "Beleidigen ist zum guten Ton geworden"

DVD & Bluray

The 100, Staffel 4

- © Warner Weil die Atomreaktoren auf der Erde schmelzen und bald ein Inferno auslösen werden, fragen sich die Überlebenden, wofür sie angesichts des nahenden... weiter




DVD & Bluray

Berlin Falling

- © Warner Der Ex-Elitesoldat Frank kann seine Kriegserlebnisse nicht abschütteln und dröhnt sich zwecks Vergangenheitsbewältigung mit Alkohol zu... weiter





Tilda Swinton in einem Haute Couture Kleid des Designers Schiaparelli - das sich sogar in den Schuhen und Handschuhen optisch fortsetzt.

Gruppenbild der Jury: Präsident Guillermo del Toro (4.v.l.) gewann im Vorjahr den Goldenen Löwen für "The Shape of Water". Ganz links Venedig-Chef Alberto Barbera im Gespräch mit Christoph Waltz, ganz rechts:Biennale-Präsident Paolo Barratta. Werbung für Die Single "Baby I Love You" im Magazin Billboard 1959.

Sean Godwells Entwurf einer Kapelle erinnert beim ersten Auftritt des Vatikans auf der Architekturbiennale in Venedig auf den ersten Blick an einen aufklappbaren Würstelstand. Shepard Fairey vor seinem Mural am Wiener Flughafen.

Quiz




Werbung