• vom 16.04.2018, 17:09 Uhr

Film

Update: 16.04.2018, 19:05 Uhr

Milos Forman

Vom richtigen Zeitpunkt




  • Artikel
  • Lesenswert (6)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Matthias Greuling

  • Milos Forman schuf Benchmarks im Hollywood-Kino, wie sie schon seit einiger Zeit nicht mehr vorkommen.



Genie küsst Mittelmaß: Tom Hulce (rechts) und F. Murray Abraham in "Amadeus" (1984).

Genie küsst Mittelmaß: Tom Hulce (rechts) und F. Murray Abraham in "Amadeus" (1984).© Getty/Orion Genie küsst Mittelmaß: Tom Hulce (rechts) und F. Murray Abraham in "Amadeus" (1984).© Getty/Orion

"Grazie, Signore", verneigt sich Antonio Salieri (F. Murray Abraham) ehrfürchtig vor dem Christuskreuz mit dem darauf geschlagenen Jesus; "Grazie" für diesen göttlichen Einfall, der ihm gerade augenscheinlich vom Himmelvater diktiert worden war. Für ein kleines Stück Musik, dass er, Salieri, zu Ehren des großen Wolfgang Amadeus Mozart komponiert hatte, ein Willkommensmarsch, der beim Empfang Mozarts bei Kaiser Joseph II. gespielt werden soll. Zu Salieris Unglück will der Kaiser selbst am Spinett sitzen und spielen, dabei hat der Monarch "überhaupt kein Ohr". Joseph II. quält sich durch die Noten, und Mozart bedankt sich für die Ehre. Am Ende des Gesprächs will ihm der Kaiser das Notenblatt mit Salieris Marsch überreichen, doch Mozart lehnt ab: "Habe ich alles schon im Kopf." Der Kaiser fordert ihn auf, den Beweis anzutreten, und siehe da: Mozart spielt den Marsch perfekt, entdeckt bald einige Unstimmigkeiten in der Komposition und wandelt Salieris mittelmäßigen Marsch improvisatorisch in die brillante Arie des Figaro, sehr zur Schmach des anwesenden, in Scham versunkenen Salieri, der danach wieder vor dem Christuskreuz steht: "Grazie, Signore." Diesmal klingt es so gar nicht dankbar.

Diese wunderbare Sequenz aus Milos Formans "Amadeus" (1984), seinem achtfach oscargekrönten Meisterstück, hat keinen historischen Wahrheitsgehalt, aber sie skizziert das Wesen Mozarts, dieses "Schlingels", der zeitlebens spielerisch die Musik aufs Papier brachte, ohne Korrekturen, als wäre ihm bloß diktiert worden. Diese Sequenz zeigt die Gottesfurcht und die Mär vom "Auserwählt-Sein", "Zu-Höherem-bestimmt-Sein", durch Gottes Gnaden; sie projiziert Hoffnungen und Enttäuschungen zugleich auf den eigentlichen Protagonisten des Films "Amadeus", der nicht Mozart hieß, sondern Salieri. Und sie ist ein Substrat dafür, mit welcher Kunstfertigkeit Milos Forman Charaktere formen konnte.

Milos Forman.

Milos Forman.© afp Milos Forman.© afp

Zuschauer vor Kunst

Der tschechische Regisseur, der vergangenen Freitag im Alter von 86 Jahren starb, hatte in seiner Karriere viele einprägsame Figuren zum Leben erweckt. Er hat dabei stets nach der Prämisse inszeniert, die Zuschauer über die Kunst zu stellen. "Ob ich ein Künstler bin, entscheidet das Publikum", sagte Milos Forman in einem Interview mit der "Wiener Zeitung" im Jahr 2006, als sein letzter Film "Goyas Geister" erschien. "Ich will nur Geschichten erzählen." Und die konnten amateurhaft oder opulent sein, das war Forman letztlich egal. "Über Geld mache ich mir keine Gedanken. Ich gebe das aus, was man mir zur Verfügung stellt. Wenn es nur 1000 Dollar sind, dann nehme ich eben eine Super8-Kamera und drehe. Wenn ich 50 Millionen bekomme, gebe ich die genauso aus."




weiterlesen auf Seite 2 von 2




Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-04-16 17:15:17
Letzte Änderung am 2018-04-16 19:05:33


Spider-Man: A New Universe

Spidermänner und Spiderfrauen

Miles Morales (links) ist der neueste Spider-Man im Heldenverbund, flankiert vom Original und der Spider-Gwen. - © Sony Pictures Ein Spider-Man allein genügt nicht, es sollen mehrere sein, die aus verschiedenen Dimensionen nach New York kommen... weiter




Filmkritik

Neue Filme in Kürze

Komplexe Kritik am Kapitalismus (fan) Eine militante, geheim agierende Umweltaktivistin betätigt sich unnachgiebig mit Guerilla-Aktionen... weiter




RBG

Ruth Bader Ginsburg im bewegenden Filmporträt

Harvard in den 1950ern. Der Dekan fragte neun Studentinnen, die sich einen Platz unter 500 Männer erkämpft hatten: "Wie können sie es rechtfertigen... weiter





Werbung



Kommentar

Un-Populist grüßt Populist

Leitartikel Baumgartner Bernhard - © WZ / Thomas Seifert In den USA und in Großbritannien wird den Menschen gerade sehr anschaulich vor Augen geführt, was es in der harten Realität bedeutet... weiter





Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Harald Schmidt, Michael Niavarani und ihre Prostata
  2. "Cold War" räumt beim 31. Europäischen Filmpreis ab
  3. Die neue Einstimmigkeit
  4. Ein fast perfekter Mord
  5. "Euryanthe" als packendes Kammerspiel
Meistkommentiert
  1. "Die Weiden" erleiden Schiffbruch an der Staatsoper
  2. Die neue Einstimmigkeit
  3. ORF teilt TV-Sender gesellschaftlichen Gruppen zu
  4. Posthume Resterampe
  5. Eine wunderbare Reise zu den Ursprüngen von Jethro Tull

DVD & Bluray

The 100, Staffel 4

- © Warner Weil die Atomreaktoren auf der Erde schmelzen und bald ein Inferno auslösen werden, fragen sich die Überlebenden, wofür sie angesichts des nahenden... weiter




DVD & Bluray

Berlin Falling

- © Warner Der Ex-Elitesoldat Frank kann seine Kriegserlebnisse nicht abschütteln und dröhnt sich zwecks Vergangenheitsbewältigung mit Alkohol zu... weiter





Förderpreisgewinner Christoph Fritz mit Moderatorin Verena Scheitz und "vormagazin"-Chefredakteur Christoph Langecker.

Peter Handke bei der Verleihung des 19. Wiener Theaterpreises "Nestroy" im Theater an der Wien. Hier mit dem Preis für sein Lebenswerk. Neo-Viennale-Chefin Eva Sangiorgi (links) mit der Regisseurin des Eröffnungsfilms Alice Rohrwacher

Sozialdemokratische Kundgebung für das Frauenwahlrecht, Wien-Ottakring, 1913 "Der Bauerntanz", entstanden um 1568.

Quiz




Werbung