Genie küsst Mittelmaß: Tom Hulce (rechts) und F. Murray Abraham in "Amadeus" (1984). - © Getty/Orion
Genie küsst Mittelmaß: Tom Hulce (rechts) und F. Murray Abraham in "Amadeus" (1984). - © Getty/Orion

"Grazie, Signore", verneigt sich Antonio Salieri (F. Murray Abraham) ehrfürchtig vor dem Christuskreuz mit dem darauf geschlagenen Jesus; "Grazie" für diesen göttlichen Einfall, der ihm gerade augenscheinlich vom Himmelvater diktiert worden war. Für ein kleines Stück Musik, dass er, Salieri, zu Ehren des großen Wolfgang Amadeus Mozart komponiert hatte, ein Willkommensmarsch, der beim Empfang Mozarts bei Kaiser Joseph II. gespielt werden soll. Zu Salieris Unglück will der Kaiser selbst am Spinett sitzen und spielen, dabei hat der Monarch "überhaupt kein Ohr". Joseph II. quält sich durch die Noten, und Mozart bedankt sich für die Ehre. Am Ende des Gesprächs will ihm der Kaiser das Notenblatt mit Salieris Marsch überreichen, doch Mozart lehnt ab: "Habe ich alles schon im Kopf." Der Kaiser fordert ihn auf, den Beweis anzutreten, und siehe da: Mozart spielt den Marsch perfekt, entdeckt bald einige Unstimmigkeiten in der Komposition und wandelt Salieris mittelmäßigen Marsch improvisatorisch in die brillante Arie des Figaro, sehr zur Schmach des anwesenden, in Scham versunkenen Salieri, der danach wieder vor dem Christuskreuz steht: "Grazie, Signore." Diesmal klingt es so gar nicht dankbar.

Diese wunderbare Sequenz aus Milos Formans "Amadeus" (1984), seinem achtfach oscargekrönten Meisterstück, hat keinen historischen Wahrheitsgehalt, aber sie skizziert das Wesen Mozarts, dieses "Schlingels", der zeitlebens spielerisch die Musik aufs Papier brachte, ohne Korrekturen, als wäre ihm bloß diktiert worden. Diese Sequenz zeigt die Gottesfurcht und die Mär vom "Auserwählt-Sein", "Zu-Höherem-bestimmt-Sein", durch Gottes Gnaden; sie projiziert Hoffnungen und Enttäuschungen zugleich auf den eigentlichen Protagonisten des Films "Amadeus", der nicht Mozart hieß, sondern Salieri. Und sie ist ein Substrat dafür, mit welcher Kunstfertigkeit Milos Forman Charaktere formen konnte.

Milos Forman. - © afp
Milos Forman. - © afp

Zuschauer vor Kunst

Der tschechische Regisseur, der vergangenen Freitag im Alter von 86 Jahren starb, hatte in seiner Karriere viele einprägsame Figuren zum Leben erweckt. Er hat dabei stets nach der Prämisse inszeniert, die Zuschauer über die Kunst zu stellen. "Ob ich ein Künstler bin, entscheidet das Publikum", sagte Milos Forman in einem Interview mit der "Wiener Zeitung" im Jahr 2006, als sein letzter Film "Goyas Geister" erschien. "Ich will nur Geschichten erzählen." Und die konnten amateurhaft oder opulent sein, das war Forman letztlich egal. "Über Geld mache ich mir keine Gedanken. Ich gebe das aus, was man mir zur Verfügung stellt. Wenn es nur 1000 Dollar sind, dann nehme ich eben eine Super8-Kamera und drehe. Wenn ich 50 Millionen bekomme, gebe ich die genauso aus."